Ein Bedrohungserleben - mal mehr, mal weniger diffus - gab es immer wieder mal.

Auf Blogrolltour blieb ich sehr nachdenklich beim Beitrag Ich brauche keine Liveticker von Das Nuf Advanced und diesen ihrer Fragen

 

" ... Heute, da ich selbst Mutter bin, frage ich mich, wie das damals für meine Eltern war. Haben sie sich ständig gesorgt? Waren sie geschockt von dem was passierte? Wie viel bekamen sie mit? ..."

 

hängen.

 

Ich bin älter als sie, gehöre zur Babyboomer-Generation der 1960er Jahre. Ich wuchs als Soldatenkind auf und mein Vater machte nie einen Hehl daraus, warum er Soldat war. Als Siebenjähriger wurde er 1945 Augenzeuge eines Massakers in Komotau, was ihn schwerst traumatisierte und die Angst in ihm hinterließ, einer solchen Situation noch einmal wehrlos ausgeliefert zu sein. Der Krieg und seine Gräuel, die Vertreibung, das Existieren als ungeliebte Flüchtlinge betrafen nicht nur ihn mit seiner Familie, auch bei meiner Mutter endete die Kindheit so äußert brutal und abrupt. Kein Wunder also, dass diese Erfahrungen meine Kindheit mindestens unterschwellig ununterbrochen begleitete. Heute weiß man, dass solche Traumata bis in die 3. und 4. nachfolgende Generation weitergegeben werden. Für meine Eltern kann ich sagen, dass diese Angst aus der Kindheit sich wie ein roter Faden durch ihr weiteres Leben zog und noch immer zieht. Gerade auch jetzt wieder, wo jeder Tag neue Hiobsbotschaften bringt. Aber das ist wieder ein ganz anderes Thema. 

 

Wie viel bekam ich mit?

 

Ich durfte als kleines Kind meinen Vater immer wieder einmal zu seiner Arbeit begleiten. Ich habe heute noch den Geruch des Towers auf dem Fliegerhorst in der Nase, ich salutierte mit ihm, wenn wir am Wachhaus vorüber fuhren, bekam beim Friseur dort meine Haare geschnitten, Kaugummi mit Bananengeschmack geschenkt, sah Flugzeuge von innen und zur Weihnachtsfeier für die Familien mit ihren Kindern dort, landete der Weihnachtsmann mit dem Hubschrauber. Für mich war das normal, mich zwischen Uniformen zu bewegen. Alles kein Drama, aber warum das so war, dass alle diese Männer auch auf Kampfeinsätze vorbereitet wurden, war kein Geheimnis für mich. 


Das allererste Mal nahm ich ein bewusstes Gefühl der Bedrohung wahr, als 1972 in den Nachrichten vom Olympiamassaker in München berichtet wurde. Ich war damals noch keine 10 Jahre alt und um es gleich zu beantworten, ja, meine Eltern hielten uns von solchen Nachrichten nicht fern. Für meinen Vater galt der Grundsatz "Informiere dich so gut wie möglich, eigne dir Wissen an, schaffe dir dein eigenes Urteil" und dazu gehörte auch die tägliche Information durch Radio und die Fernsehnachrichten. 1972 war mein Vater schon nicht mehr aktiver Bundeswehrangehöriger, was für mich am Grauen aber nichts änderte, denn die Endphase dieses schrecklichen Terrors spielte sich auf dem Fliegerhorst Fürstenfeldbruck ab, der zu meiner Kindheit gehörte. 

 

1972 brannte sich aber auch der entsetzliche Vietnamkrieg für immer in meine Erinnerungen durch die Bilder von Phan Thị Kim Phúc - so alt wie ich - für immer aufs grausamste durch den Einsatz von Napalm mit diesem Krieg verschmolzen. 

 

In meiner Schulzeit, mit Beginn der 1. und weiter bis mindestens zur 4. Klasse, wurde im Sportunterricht "Feuer-, Wasser-, Luftalarm" gespielt. Nichts anderes als eine spielerische Vorbereitung auf eventuelle kriegerische Aktivitäten, immerhin herrschte seit 1947 der "Kalte Krieg" zwischen den West- und Ostmächten. Durch meine gesamte Kindheit zog sich so auch im Spiel immer wieder die Themen Krieg und Flucht. Was würde ich mitnehmen im Ernstfall? Womit wäre ich am besten darauf vorbereitet? Was wäre am sinnvollsten, leichtesten, schwersten? Und aus dieser Zeit stammt noch ein ganz anderer Aspekt, wohl von meiner Großmutter E. von mir übernommen: Immer darauf achten, dass genug Eier, Butter, Mehl, Milch im Haus sind. 

 

Und trotzdem: Ich würde nie behaupten, dass meine Kindheit eine schlechte war. Das alles erschien mir als ganz normal. Ob das bei meinen Freundinnen und Freunden auch so war? Ehrlich - ich habe keine Ahnung. Ich weiß nicht, ob deren Eltern auch solch einen Wert auf Information legten, ob auch sie mit ihren Kindern darüber sprachen. Ich fühlte mich auf jeden Fall nicht anders als sie. Auch als mein Vater schon kein Soldat mehr war, verschwand dieses Thema nicht einfach so. Unser Umzug führte uns nach OWL, ganz in die Nähe des Truppenübungsplatzes Sennelager und die 1970er hindurch war es dort völlig alltäglich, mit allen möglichen Truppenübungen und -bewegungen der Deutschen, Englischen, Niederländischen Armeen konfrontiert zu werden. 

 

Ein weiteres, einschneidendes und prägendes Erlebnis war für mich eine Familienreise in die damalige DDR - damit verbunden ist mein stärkstes Bedrohungserleben in dieser Zeit überhaupt. Auf der ostdeutschen Seite der Grenze dort begegnete ich nicht den freundlichen Soldaten meiner Kindheit, sondern Menschen mit der Waffe im Anschlag, sehr schroff, mit harten Gesichtern, ohne Lächeln, ohne nette Bemerkungen. Wir wurden zum Essen eingeladen und weil H. Beziehungen hatte, konnten wir an einer langen Schlange Wartender entlang direkt in eine Lokal gehen, was missbiligendes Zischeln auslöste. An einem anderen Tag aßen wir irgendwo unterwegs einen Broiler und A. sagte "Guckt nicht zum anderen Tisch, da sitzt ein Sowjetsoldat. Fallt bloß nicht auf." Unglaublich emotional war der Besuch bei C., dem Cousin meines Vaters, der zusammen mit seiner Mutter noch auf dem enteigneten Gut lebte und arbeitete. Man unterhielt sich leise, vorsichtig, so, als würde man auf schwammigen Boden laufen und damit rechnen, mit der nächsten Bewegung einzusinken. Einige Jahre später dann die Klassenabschlussfahrt nach West-Berlin und der goldene Nussknacker. Heute liest sich sowas lustig, damals war es alles andere als das.

 

In der Schulzeit war das 3. Reich Thema mit all seinen Daten und Fakten. Im TV war die Serie Holocaust - Die Geschichte der Familie Weiss Pflichtprogramm für mich, aber auch Roots. Ich las mich durch sämtliche für mich verfügbare Literatur zum Holocaust, Rassendiskriminierung, und die Indianerkriege. Die Nachrichten in dieser Zeit meiner Pubertät wurde immer wieder von der RAF dominiert. Bei meiner Klassenkameradin A., die mit ihrer Familie auf einem abgelegenen Bauernhof lebte, hing im Eingangsbereich ein Fahndungsplakat mit Abbildungen der gesuchten Terroristen. Dieses Plakate sah man in allen öffentlichen Bereichen, nahm die Bedrohung durch sie auch sehr ernst, aber nur bei A. begegnete ich ihr auch in einem ganz privaten Bereich. 

 

Als ich älter wurde, so in der Zeit ab Beginn der 1980er Jahre, diskutierten wir im Freundeskreis sehr viel weiterhin über den Kalten Krieg, den Einsatz von Atomwaffen, EMP, The Day After. Ja, da war definitiv so ein diffuses Bedrohungsgefühl mit an Bord, mal mehr, mal weniger stark ausgeprägt. 

 

Tschernobyl und seine Auswirkungen habe ich sehr bewusst miterlebt. Bevor die ersten Nachrichten dazu durchsickerten, war es ein schöner, ausgelassener Tag, den ich mit Freunden draußen in der Natur verbrachte. Nie vergessen werde ich den schlimmen Wolkenbruch danach, der einen Teil meiner Wohnung unter Wasser setzte und mich in Panik zurückließ, weil ich nicht wusste, ob jetzt alles nass gewordene kontaminiert ist und weggeworfen werden sollte. 

 

Und da möchte ich jetzt schon die Verbindung zu heute ziehen:

 

Der Nachrichtenfluss damals war sehr zäh und kleckerte regelrecht vor sich hin. Wir hätten uns sehr gerne näher informiert, ging aber nicht. Inet war noch nicht da, Handys so wie heute auch noch nicht, der Informationsfluss erfolgte nicht digital, sondern analog und ich kann mich noch sehr gut an die allumfassende, allgemeine und tiefe Verunsicherung erinnern. 

 

Jede Zeit reagiert mit den ihr innewohnenden Möglichkeiten und die sind heutzutage nun mal andere als damals. Wir sind mittendrin im digitalen Zeitalter. Noch niemals vorher war es so einfach, sich zu informieren, sich auszutauschen aber es ist damit wie bei allem anderen, denn jede Medaille hat zwei Seiten. Nicht mehr nicht weniger. Schreckliche Nachrichten bannen, schockieren, paralysieren immer. Ganz egal, ob man sie durch Moritatensänger oder durch Twitter- oder FB-Mitteilungen erhält. Man kann sich damit konfrontieren oder sich abwenden. Letzteres ist heute natürlich schwieriger als damals. Was sich natürlich radikal geändert hat, ist der Weg der Übertragung, die ungefilterte Konfrontation mit den Bildern der Gewalt. Ein Handy ist da halt schnell drauf gehalten, Aussagen sind so schnell festgehalten, ganz egal, ob sie richtig oder falsch sind, Hemmschwellen fallen so, was auch erklärt, warum das Gafferphänomen immer unglaublichere Ausmaße annimmt. 

 

9/11 bannte mich mit seinen TV-Berichten, u. a. der Tsunami und der Atomunfall in Japan, der Putschversuch in der Türkei, die schrecklichen Anschläge in Nizza, Würzburg, gestern in München. 

 

Vieles davon unvorstellbar und wenn es mir zuviel wurde und wird, dann schalte ich aus. Ich konfrontiere mich weiter, so wie ich es seit meiner Kindheit mache, weil ich es wichtig finde, informiert zu sein, mir ein eigenes Urteil zu machen. Aber ja, es fällt mir auch schwerer als früher, denn quasi Augenzeuge zu sein, wie jemand kaltblütig Menschen erschießt, ist in seiner gesamten Dimension nicht auszuhalten. 

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Kommentare: 4
  • #1

    Ingrid (Sonntag, 24 Juli 2016 06:58)

    Guten Morgen, liebe Ev.
    Vielen Dank für dieses große Paket zum Nachdenken. Auch ich bin in den frühen 60ern geboren. Manches war ganz anders als bei dir; Geschichten vom Krieg kenne auch ich. Andere. Auch bei uns war die Zeitung auf dem Tisch, wurde gelesen; im Fernsehen Sonntag Abend wurde gemeinsam der Weltspiegel angesehen. Die Angst vor der Atomwaffe, an die erinnere ich mich sehr gut; da erinnere ich mich auch an Träume... dass es geschehen sei... Die Ermordung Bubacks; München; als Erwachsene nun so vieles: Erfurt, Winnenden hat uns als Lehrer tief betroffen - und immer noch kämpfe ich für die Schule ohne Angst. Und so langsam erlebe ich, wie die immer schnellere Folge der Schreckenstaten diesen das so einmalig Erschreckende nimmt. Das erschreckt mich zutiefst!!!
    Viel zum Nachdenken. Zum Gegenhalten, so es irgendgeht! Ich danke dir für diesen Beitrag.
    Trotz allem: Einen guten, einen schönen Sonntag!
    Ingrid

  • #2

    Ev (Sonntag, 24 Juli 2016 09:40)

    Liebe Ingrid,
    ganz herzlichen Dank Dir für Deinen Kommentar! Mir geht es wie Dir, ich werde mich immer wieder mit diesem Thema beschäftigen, denn dieser Abstumpfungseffekt, den Du da beschreibst, der ist wahrhaft erschreckend und ich befürchte, er nimmt der gesamten Gesellschaft so viel an Empathie weg.
    Einen guten, vor allem friedfertigen Sonntag auch Dir!
    Herzlichste,
    Ev

  • #3

    Michaela (Dienstag, 26 Juli 2016 14:33)

    Liebe Ev,

    schon lange lese ich still - aber mit großer Freude Deinen Blog. Ich empfinde Deine ausgewogene und ruhige Art als sehr wohltuend. Ich bin Jahrgang 64 und weiß sehr genau was Du meinst - in meiner Heimatstadt waren frz. Soldaten stationiert und ganz in der Nähe waren 2 große amerikanische Bases - ehrlicherweise muss ich zugeben, dass ich mich nie sicherer gefühlt habe als in den Jahren etwa bis 1988/90 trotz RAF, Tschernobyl, München usw. . Ich glaube wir alle müssen die Scheuklappen abnehmen und uns eingen unangenehmen Wahrheiten stellen - aber mit kühlem Kopf und mit Respekt vor unschuldigem Leben.

    Ich wünsche Dir alles Gute für Deine OP (bzw. für Deine Rekonvaleszenz und würde mich freuen wieder mehr über Wolle und Schönes zu lesen)

    Herzliche Grüße

    Michaela

  • #4

    Ev (Freitag, 29 Juli 2016 20:10)

    Liebe Michaela,
    ich freu mich immer sehr, wenn sich der Kommentar "stiller" Leserinnen bei mir findet. Ganz lieben Dank Dir dafür, gerade bei diesem schwierigen Thema!
    Herzlichst,
    Ev