Der Schellfischstick und ich

Mein Verhältnis zu Handys ist ein sehr gespaltenes.

 

Für einige Jahre lang musste ich beruflich durchgehend erreichbar sein. Im Nachhinein hat das niemals zu unangenehmen Situationen geführt, aber allein das Wissen, dass das Ding da jederzeit hätte klingeln können, war nicht sehr angenehm.

 

Mittlerweile bin ich in der glücklichen Lage, mein Handy nur noch privat nutzen zu können. Und trotzdem: Es nervt mich oft, wie stark Handys mittlerweile in den ganz normalen Alltag Einzug gehalten haben, wie sehr man sich immer wieder davon korrumpieren lässt. 

 

Bin ich mit dem Auto, der Bahn oder zu Fuß unterwegs: Davon abgesehen, dass ich es meist irgendwo mit mir herum trage, ist den Dingern auch außerhalb von mir kein Entkommen. Es vergeht kein Tag, an denen mir beim Autofahren nicht irgendjemand entgegen kommt, der einhändig am Lenkrad sitzt, mit einer Handyhand am Ohr. Gerne auch von Leuten genommen, die schnell bei Rot noch über die Ampel oder fix über Zebrastreifen brettern. Ganz egal, ob in der Stadt oder wie bei uns im Dorf. 

 

In der Bahn dann sind ca. 90 % der Mitfahrer damit beschäftigt, um darin zu lesen, Musik zu hören, meist doch sehr laut zu telefonieren oder zu zocken. Die meisten sitzen mit geneigten Köpfen über ihre Displays gebeugt da, wischen oder tippen, bekommen gar nicht mit, was vor den Fenstern, geschweige denn in den Abteilen los ist. 

 

Unterwegs zu Fuß ist das nicht viel anders, besonderes schlimm im Bahnhof selbst: Manchmal ist es ein regelrechter Slalomlauf zwischen Handyzombies, die gar keine Gesichter mehr zeigen, nur noch Scheitel, Buns, Glatzen, schütteres oder buntes Haar. 

 

Die Umwelt reduziert auf ein gläsernes Rechteck. 

 

Ich habe nichts gegen Handys, sie sind ein tolles, leichtes, einfach zu bedienendes Mittel, um Kontakt zu halten, Nachrichten auszutauschen - und um zu fotografieren. Die Kamera ist für mich eine der besten Funktionen, die sie haben und mittlerweile können sie locker mit einfachen, kleinen Fotoapparaten mithalten. Ich muss nicht erst eine Kameratasche öffnen, Eingabemodi verändern, etc., das Knipsen damit ist praktisch, schnell und macht mir oft einfach Spaß.

 

Spaß hatten auch die japanischen Touristinnen, bei denen ich das erste Mal einen Selfiestick sah. Sie fotografierten unter großem Gelächter sich selbst, alle zusammen und in immer neuen Posen. Mit dem Schloss im Hintergrund, mit dem Rathaus, dem Brunnen, der Kirche. Das alles so hinreißend niedlich, dass ich selber lachen musste. 

 

Ich mit so einem Stecken rumlaufen?Nee, völlig überflüssig!

 

Aber da entdeckte ich diese Kameraoption, in der ich mich auch von vorne knipsen konnte - die Selfiefunktion, und immer wenn ich die ausprobierte, sahen die Bilder sehr lustig aus, meine Nase sehr groß, der Hals noch kürzer, irgendwie blickte ich mir immer wie ein Michelinfrauchen entgegen. Das einzige Mittel dagegen: na klar, ein Selfiestick, von mir liebevoll Schellfischstick genannt. 

 

Nichts, was ich immer mit mir herumtragen möchte, aber eine nette kleine Spielerei, wie z. B. für Gruppenfotos, auf denen dann wirklich alle mit drauf sind, auch die, die normalerweise hinter der Kamera stehen. Und es geht so einfach. Nix mit Selbstauslöserfunktion, Stativhantierereien oder mit der Bitte an Wildfremde, ob sie nicht mal eben und so ... sondern den Fotostecken raus, den Schalter auf ON schieben, das Handy auf Bluetooth stellen und schon geht es los. 

 

Schellfischstick!

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