Reparat - Reparatus - Reparata

In meiner Kindheit war ich dem großen Thema Archäologie verfallen. Völlig faszinierten mich 1975 die Renovierungsarbeiten in der St. Heinrich und Kunigunde-Kirche in Schloß Neuhaus: Der Fußboden wurde abgetragen und die darunter liegenden Grablegen wurden sichtbar. Einer der Mitarbeiter ließ uns an einem Tag, ich weiß nicht mehr ob Unterricht ausfiel oder ob wir auf den Bus warten mussten, ganz nah dran und erklärte, was von den Menschen, die dort bestattet wurden, übrig und noch zu sehen war. Spannend war das damals und auch ein bischen gruselig. So gegen 1978 fanden vor dem Paderborner Dom Ausgrabungen eines wesentlich größeren und nicht so prunkvollen Friedhofs statt und ich erinnere mich, dass dort die blanken Knochen und Schädel aus der Erde blakten. 

 

Reliquien begegne ich seither mit einer gewissen Faszination, aber auch mit einer genauso gewissen Ablehnung. Ich bin nicht katholisch und unsere Jahre in OWL haben mein Verhältnis zur Katholischen Kirchen geprägt, nicht zum Besten, auch, aber nicht nur in Bezug auf ihre Heiligenverehrung. 

 

All das ändert aber nichts an der Tatsache, dass das, was in diesen Zusammenhang vom Menschen übrig bleibt, wie damit umgegangen wurde und wird, noch immer so eine gewisse Faszination auf mich ausübt, natürlich noch immer mit der gewissen Ablehnung verpaart. 

 

Im Burgmuseums des Schlosses in Český Krumlov standen wir völlig unerwartet in einem der Räume vor einem gläsernen Sarkophag mit einem vollständigen Skelett:

Ich würde lügen, würde ich nicht zugeben, dass ich in dem Moment komplett fasziniert war, denn so nah war ich dann doch noch nie an einer solchen Reliquie dran wie in diesem Moment. Und doch ...

 

Auf dem Infoblatt konnten wir nachlesen, dass es sich um die Ganzkörperreliquie des Heiligen Reparat handle:  

Ein Heiliger, fragte ich mich, der einfach so in einem Burgmuseum liegt und nicht in einem Kirchenraum? Ich nahm mir vor, daheim nach diesem Reparat und was es mit ihm auf sich hat, zu suchen. 

 

Was mir gleich auffiel und was ich auch zu meinem Mann sagte, war, dass dieser Heilige ein auffallend gutes Gebiss hatte, was die Frage aufwarf, wie alt er wohl gewesen war, als er starb:

Und überhaupt, was ist das da für eine feine und netzartig gemusterte Masse, die zum Teil über seinem Schädelknochen liegt? Wachs?

 

Fragen über Fragen. Beachtenswert auch die Arbeit der Klosterfrauen des Krumauer Klarissenklosters, die das Skelett so aufwändig einkleideten. Das ist ganz große und beeindruckende Handwerkskunst, die unbedingt beachtet und gewürdigt gehört. Das Skelett selbst ist übrigens nicht zu 100 % vollständig, sodass z. B. fehlende Knöchelchen aus Holz nachgebildet wurden. 

 

Wieder daheim begab ich mich auf die Suche, nach Reparat, bei der auch Reparatus und Reparata auftauchten - und schlussendlich diese Information, nach der mir klar war, warum die Reliquie hier und nicht woanders liegt und wieso sie so gute Zähne hat. Ein echter Unisex-Heiliger. Immer noch sehr faszinierend, aber auch mit großer Fassungslosigkeit, mit welcher Skrupel- und Sinnlosigkeit man die Gebeine der Toten missbrauchte. Immerhin sind sie Relikte lebender, atmender Menschen, die vermutlich liebten und geliebt wurden und für die sich wohl niemand freiwillig ein solches Schicksal ausgesucht oder auch nur gewünscht hätte.

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