Sehen, Hören, Reden

Am liebsten würde ich keine Zeitungen, keine Meldungen mehr lesen, keine Nachrichten mehr sehen, ich mach es trotzdem. Ich kann nicht anders. So, genau so bin ich aufgewachsen: Hin- und nicht weggucken, konfrontieren. 


Machmal lese, höre, schaue ich mir das alles wie gelähmt an, diese Flut an sich überschlagenden Informationen, Bildern, Meinungen. 


Vieles so unfassbar grausam, brutal, Angst einflößend.


So viel geredet und diskutiert in den letzten Tagen, dass ich mich nur noch nach Ruhe sehne.


Das erste Mal so ein offizielles DIN A4-Blatt für in einer Erstaufnahmestelle aufgenommene Flüchtlinge in der Hand gehabt und mich, die ich da schon selber ob all der Abkürzungen, Stempel, Fristen, Daten nicht mehr durchblickte, gefragt, wie es damit den Menschen geht, die kein Deutsch, geschweige denn auch nur radebrechend Englisch sprechen können, die oft genug gar nicht verstehen, was das bedeutet, dieses Blatt Papier.


Ich versuche Meinungen zu verstehen, die nicht meine sind, die ich aber ernst nehmen möchte, Sätze wie "Mir macht das Angst", die nur ganz zaghaft und leise ausgesprochen werden, weil befürchtet wird, das drückt gleich den braunen Stempel auf. 


Die interessantesten Gespräche hatte ich mit Menschen, die selber eines Tages aus den Flüchtlingsgebieten als Immigranten in unser Land kamen, die sich nun fragen, wer da alles in den Menschenmassen hierher kommt, die Angst davor haben, welche Folgen das alles haben wird, die sagen, dass an den Nachrichten genau das interessant ist, worüber nicht gesprochen wird, die sich fragen, ob das, vor dem sie flohen, nun hier angekommen ist. Beim ersten Gespräch dachte ich wirklich "Meine Güte, ohne den Migrationshintergrund würde ich jetzt den braunen Stempel zücken".


Angst alleine ist ein schlechter Ratgeber. Ratlosigkeit auch. 


Und weg sehen keine Option ...

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Kommentare: 2
  • #1

    Anja (Sonntag, 13 September 2015 10:44)

    "die sich fragen, ob das, vor dem sie flohen, nun hier angekommen ist",

    dieser Aspekt ist sehr interessant.

    LG Anja

  • #2

    Ev (Sonntag, 13 September 2015 18:23)

    Liebe Anja, ja, genau davor haben sie Angst und noch so vor einigem mehr, was mich sehr sprach- und ratlos machte und macht. Und gleichzeitig bin ich außerordentlich dankbar, dass ich diese Menschen kennen und mit ihnen umgehen darf, dankbar für die Bereicherung durch sie in meinem Leben.
    Meine Meinung dazu: Funktionieren kann das, was da als große Aufgabe vor unserer Gesellschaft liegt, nur mit Verständnis auf beiden Seiten.
    Herzliche Dir und Danke für Deinen Kommentar,
    Ev