Flucht

Meine Mutter war fünf Jahre, als ihre Familie vertrieben wurde. Zwei dramatische Fluchten später in einem Auffanglager, sagten die Amerikaner meiner Großmutter, dass sie und ihre fünf Kinder nicht bleiben könnten. Sie waren nicht die einzigen dort, die am Ende ihrer Kraft waren, nicht mehr konnten und letztendlich doch blieben. Mein Großvater fand zu ihnen und sie kamen nach Buchloe. Für viel Geld wurde ihnen dort eine zweizimmrige Holzbude ohne Isolation, Strom, fließendes Wasser verkauft. Wohl gemerkt, schön im Vertrag festgehalten, nur die Bude, nicht das Grundstück. In dem Raum mit der Küche gab es einen Herd, die Kinder, wie meine Mutter, die das Pech hatten, im anderen Raum schlafen zu müssen, sahen im Winter morgens beim Aufwachen ihren zu Raureif gefrorenen Atem an der Holzwand. Bis in den Herbst hinein ging meine Mutter ohne Schuhe in die Schule. In eine Schule natürlich, die streng nach Konfessionen geteilt war: Die Katholiken in der einen Hälfte, die Evangelischen in der anderen. Ja, die Religion wurde in Buchloe hoch gehalten, was jedoch nicht daran hinderte, dass diejenigen Erwachsenen und Kinder, die das Glück hatten, ihre Heimat nie verlassen zu müssen, meiner Mutter, ihren Geschwistern, ihrer gesamten Familie nicht nur "Huraflüchtling" nachzurufen. Das riefen Deutsche Deutschen nach. An sowas erinnert man natürlich nicht gerne: an das Leid der Flüchtlinge nach dem 2. Weltkrieg, noch viel weniger an das der nach dem 1. Weltkrieg. Heute weiß man, dass solch schwere Traumatisierungen sich bis in die 3., 4. Generation danach ziehen. Ein interessantes Thema und eines, bei dem es sich lohnt, sich damit auseinander zu setzen. 


Für meine Mutter hieß das, dass wir mit ihr in ihre alte Heimat gefahren sind, ihr Geburtshaus fanden, stundenlang miteinander über all das geredet haben. 


Und obwohl ich all das nicht selber erlebt habe, war es doch für mich in gewisser Weise ein Heimkommen, das mich hat verstehen lassen und auch mir ganz viel Ruhe und Freude geschenkt hat. 


Auch mein Vater musste mit seiner Familie fliehen, ebenso die Familie meines Schwiegervaters. Alles Vertriebene, Flüchtlinge. Manche von ihnen, durch das, was passierte, das Leben lang wurzel-, heimatlos. 


So, wie die Menschen, die jetzt ihr Heil in der Flucht suchen.


Nicht mehr und nicht weniger. 


Und die Menschen, die sie jetzt mit Schimpfwörtern, Drohungen oder Brandsätzen empfangen, wie viele von denen sich wohl gar nicht bewusst sind oder es gar nicht wahrhaben wollen, dass ihre Eltern, Großeltern, Urgroßeltern genau das waren: Vertriebene und Flüchtlinge!


Und wie sich wohl die fühlen, die hier ankommen, sich hier am Ziel wähnen, nur um dann in vom Hass verzerrte Gesichter zu sehen, mitzuerleben, wie gegen sie aufmarschiert wird?


Beschäftigt Euch endlich mit Eurer eigenen Geschichte!


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Kommentare: 1
  • #1

    Elena (Montag, 31 August 2015 06:48)

    Sehr richtig!
    Danke für Deine Worte.

    LG Elena