Unterm Lindenblütenmond

Ich bin eine Spontanknipserin, keine Szenen-gekonnt-ins-Bild-Photographin, was mir viel zu lang dauert. Meine Kamera hat kein Auswechselobjektiv, ist kein exklusives Spiegelreflexmodell, ich nutz noch nicht mal all das elektronische Schnickeldi, das in sie integriert ist, sie liegt mir schlicht und einfach gut in der Hand. 


Ich halte Momente fest, ohne lange zu überlegen. Bild im Display, Finger auf den Auslöser, fertig. Meine Fotos muss ich immer wieder mal nach bearbeiten, indem ich sie zurecht schneide, aufhelle oder verdunkle. Das alles ist für mich völlig o. k., denn ein Blick aufs Bild und ich bin bei den allermeisten wieder mittendrin in dem Moment, den er einfing: dem Geruch, den Geräusch, der Stimmung. 


Früher photographierte ich viel mehr als heute, wo mich manchmal selber dazu ermahnen muss, wobei ich im Nachhinein, wenn alles verwackelte in den Papierkorb geschoben ist, froh bin, wenigstens ein paar Mal den Auslöser gedrückt zu haben.


Manchmal mache ich das einfach ohne weitere Gedanken an die Bilder und bin daheim am PC bass erstaunt beim Ergebnis, so wie beim Lindenblütenmond.


Es war ganz früh morgens und ich saß im Nachthemd im kühlen Auslauf der Nacht. Ein fulminant einsetzendes Frühkonzert der Vögel hatte mich geweckt und zog mich voller Freude auf den Balkon, vor dem fast zum Greifen nah die Linden blühten. Am Abend zuvor saßen wir hier, bis die Sonne unterging, ihr Rosa immer schwächer und schwärzer wurde, bis die Laterne orange aufleuchtete.

Wo vorher dicht die Bienen summten, jagten nun Fledermäuse dicke um die Kronen kreiselnde Junikäfer. 


So saß ich in den Morgen hinein, die Füße auf der Brüstung, bis ich richtig wach war und mein Blick auf den Mond über den Bäumen fiel. Ich griff nach der Kamera und drückte ab.

Ohne weiter nachzudenken, zoomte ich hin und her, zuletzt auch den Mond selber, wobei ich nun meine Ellbogen auf das Geländer stützte, um die silberne Kugel nicht verwackeln zu lassen.

Und da ist er plötzlich ganz nah der Mond mit seinen Katern, Schrunden, Narben und ich fühl mich klein, so unendlich klein und alles, worüber man sich sonst so echauffiert, weint, ärgert, trauert, fällt ab bis zur Bedeutungslosigkeit und zurück bleibt ein Lächeln und Staunen, als wär ich noch ein Kind und alles neu und groß und voller Abenteuer.

Magisches Schrundenrandrund!

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Kommentare: 2
  • #1

    Elena (Mittwoch, 15 Juli 2015 11:21)

    SOLCHE großartigen Bilder sind Dir "einfach so" gelungen? Alle Achtung!
    Ansonsten bin ich ganz Deiner Meinung, was das Fotografieren anbelangt; höchstens, daß ich häufiger auf den Auslöser drücke ;-)

    Viele Grüße
    Elena

  • #2

    Ev (Mittwoch, 15 Juli 2015 16:37)

    Liebe Elena,
    vielen Dank für Dein Lob, freut mich sehr ;)!
    Und die Bilder: Das 1. ist einfach mit dem Handy geknipst. Das letzte ist ein vergrößerter Ausschnitt des vorletzten und ehrlich - hätte man mir vorher gesagt, dass es möglich wäre, den Mond mit diesem Ergebnis einfach zu zoomen, ich hätte es nicht geglaubt und war selber unglaublich überrascht.
    Herzliche Dir,
    Ev