Ein kleiner Exkurs zur Wertigkeit der Handarbeit

Ich liebe es, auf Flohmärkte zu gehen, dort zu stöbern und vielleicht auf etwas Interessantes hoffen zu dürfen. Es sind die kleinen Sachen, die mich anziehen, nicht die auffälligen. Großes Interesse habe ich natürlich an allem rund ums Thema "Handarbeit".


Als ich diesen Flohmarkt betrat, wurde mein Blick gleich vom ersten Stand rechter Hand magisch angezogen, denn zusammengeknäult lag da eindeutig ein Strickstück. Ich nahm den Ball in die Hand, weil ich sehen wollte, was es ist - einen Schal zog ich vorsichtig zwischen meinen Händen auseinander. "Zwei Euro fuffzich" rief es hinter dem Stand hervor und "das ist sogar echte Schurwolle". Zwei Euro fuffzich - nee, da gab es kein Nachdenken mehr und garantiert kein Handeln, denn dass sich da mal jemand große Mühe gegeben hatte, war auf den ersten Blick zu sehen. "Selbst gestrickt?" fragte ich, aber auch so war mir die Antwort bereits klar: "Nee, Geschenk. Aber selbstgemacht".


Daheim schaute ich mir den Schal noch mal ganz genau an, bevor er in ein sanftes Entspannungsbad durfte. Wunderschön ist er:

Geschätzt wird er nun auf jeden Fall. Wenn auch nicht von der ursprünglicher Empfängerin, sondern von mir. 


Auf dem gleichen Flohmarkt entdeckte ich bei einer entzückenden älteren Dame ein 3er-Set alter handfertigter Erstlingsjäckchen aus Leinenstoff. Ihr ganzer Stand beherbergte wunderschöne alte Sachen, die sie selbst auf Flohmarktstreifzügen in vielen Jahren entdeckt hatte. Sie erzählte mir davon, dass sie eine passionierte Sammlerin sei, dass sie aber, da sie und ihr Mann sich durch das Alter nun räumlich verkleinern würden, sich nun einfach von einem Teil ihrer Sammlungen trenne müsse. "Alles kann man nun mal leider nicht mitnehmen." Was ich mit den drei Jäckchen machen werde, weiß ich noch nicht. Ich genieße es einfach, sie in die Hand zu nehmen, die feinen Stichelchen zu bewundern und die Akkuratesse, die hinter ihnen steht und die Spuren zu betrachten, die der Lauf der Zeit in ihnen ließ. Und ich danke jedes Mal in Gedanken der alten Dame, dass sie sie mit soviel Sorgfalt und Liebe aufbewahrte, bis ich sie bei ihr entdecken durfte:


Bei einem ganz anderen Flohmarkt erstand ich ein altes Mustertuch von 1897:

Knopflöcher wurden unter anderem auf ihm geübt und auch das Ausbessern schadhafter Stellen, was mir besonders gut gefällt. 

 

Bei jedem dieser Stücke frage ich mich, was uns Handarbeit wert ist. Natürlich hat nicht jeder einen Bezug dazu, besonders heute, wo, seien wir mal ehrlich, es doch viel einfacher ist, etwas kaputtes weg zu werfen, statt es z. B. zu flicken. Ein Schal, ein Tuch, eine Hose hat heute nicht mehr die Wertigkeit wie für viele Menschen früher, als man eben nur jeweils eines davon hatte und das hegte und pflegte so lange es ging. Natürlich ist es besser, sich dann z. B. auf einem Flohmarkt davon zu trennen. Was mich störte war beim Schal oben dieses "Aber selbstgemacht", das von so einem abschätzigen Grinsen begleitet wurde, als wäre es allein dadurch schon nicht mehr wert als "Zwei Euro fuffzich". 

 

Mein absolutes Highlight aber in den letzten Jahren rund um das Thema alte Handarbeiten waren unser zwei Besuche im Muzeum krkonošských řemesel. Frau Jana Pičmanová  hat dort voller Leidenschaft und Liebe viele hunderte Exponate aus dem ländlichen Leben der oft nur so genannten "guten alten Zeit" gesammelt und vor dem Vergessen gerettet. Unvergessen bleibt mir das gestrickte und bestickte alte Küchentuch, das ich irgendwann einmal nachzuarbeiten versuchen möchte:


Seid Ihr schon einmal einem solchen Tuch begegnet? Und wie ist das für Euch so rund um dieses Thema "Alte Handarbeiten"? 

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Kommentare: 1
  • #1

    Hehocra (Freitag, 26 Juni 2015 13:14)

    Wunderschöne Sachen hast du da erstanden und entdeckt. Zauberhaft.

    Ich kann mich nicht von diesen Handschuhen trennen: http://hehocra-blog.com/2015/06/03/couture-hakeln-eine-geschichte/

    Viel Freude beim Tragen des wunderschönen Schals. Der Preis ist echt ein witz.

    Liebe Grüße, Doreen