Friedhof

Als wir nach Tagen voller Sonne, Lachen und Freunden zurück nach Hause kamen, blinkte unser Anrufbeantworter.


Die letzte Nachricht war abgehackt, voller Störungen und verstehen konnte man nur "Ev ... Silvia ...".


Das war so ein Moment, in dem man einfach weiß, dass etwas Schreckliches passiert war. Ich rief meine Kollegin an, deren Stimme ich erkannte und erfuhr, dass die kleine, zarte Silvia auf der Rückfahrt aus dem Urlaub mit ihrem Freund durch einen Autounfall auf regennasser Fahrbahn unter einer Leitplanke verblutete.


Silvia war eine bildhübsche Blondine, so ein Mädchen, das einem einfach alleine durch seine Art ein Lächeln ins Gesicht zauberte. Lernte man sie näher kennen, merkte man, dass da auch etwas anderes war, etwas Dunkles, das sie begleitete. Sie hatte eine schwierige Kindheit, einen sehr rabiaten Vater und ganz früh schon begegnete sie ihrer großen Liebe. Sie verlobten sich, irgendwann kurz nachdem sie volljährig war. Er fuhr mit Freunden in den Winterurlaub, ich weiß nicht mehr, wieso, aber sie konnte nicht mitfahren. Beim Skifahren stürzte er und starb an inneren Verletzungen. 


Sie sagte oft, dass sie immer wieder an ihn denke, von ihm träume, ihn nicht loslassen könne, sogar Hilfe bei einer Wahrsagerin suchte, weil sie es nicht fassen konnte, dass er einfach so starb und sie allein ließ. Sie stürzte sich ins Leben, versuchte zu vergessen. In der Arbeit wurde sie immer wieder damit aufgezogen "träum nicht so viel". Bei einer Geburtstagsfeier war sie auf einem Foto zu sehen, auf dem sie genau so verträumt wirkte. Wie es halt so ist: der Hühnerhaufen fand es lustig, dieses Bild an die Pinnwand zu pinnen und malte eine große Wolke über ihren Kopf "Träum nicht so viel!", nannten sie nur noch "Träumerle". Als wäre es ein Makel, so träumen zu können ...


Wenige Wochen vor dem Unfall entschied sie sich dazu, dem Leben mit ihrem neuen Freund eine Chance zu gehen. Sie suchten gemeinsam eine Wohnung, zogen zusammen und fuhren mit dem Auto in den Urlaub nach Italien. 


Es hieß, sie starb am Geburtstag ihrer großen Liebe.


Ihr weißer Sarg stand an einem sonnigen, warmen, weichen, herzzerreißenden Tag voller Blütenduft in der Aussegnungshalle, in der in leiser Dauerschleife "Wish you were her" von Pink Floyd lief. 


So, so you think you can tell

Heaven from Hell
Blue skies from pain
Can you tell a green field
From a cold steel rail?
A smile from a veil?
Do you think you can tell?

Did they get you to trade
Your heroes for ghosts?
Hot ashes for trees?
Hot air for a cool breeze?
Cold comfort for change?
And did you exchange
A walk on part in a war
For a lead role in a cage?

How I wish, how I wish you were here
We're just two lost souls
Swimming in a fish bowl
Year after year
Running over the same old ground
What have we found?

The same old fears

Wish you were here

Sie wurde im Schatten eines Baumes und der Friedhofsmauer beigesetzt. 


Man sagt, dass Menschen erst dann wirklich tot sind, wenn sich ihrer niemand mehr erinnert. Ich denke immer wieder mal an sie, auch nach so vielen Jahren. Heute kamen wir ganz zufällig am Friedhof vorbei und mein Mann bog ab und hielt für mich. Der Friedhof sieht anders aus als damals, er löst sich langsam auf, so wie viele andere auch. Auch Silvias Grab sieht anders aus. Der Nachname steht noch da, andere Vornamen sind dazu gekommen, ihrer fehlt. 


Silvia, ich hoffe, Deine Träume haben nicht aufgehört mit Deinem letzten Atemzug. Ich hoffe, sie haben Dich begleitet und sind noch immer um Dich. 


Und ich wünsche mir so sehr, dass Du Deinen Frieden gefunden hast.

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