The Times They Are a-Changin’

Krieg war - mal mehr, mal weniger - immer ein Thema.

 

Meine Familie ist gezeichnet von den letzten beiden großen Kriegen.

 

Schwere Traumata ziehen ihre Zeichen bis in die 4. Generation danach, das weiß man mittlerweile.

 

Um das Heute zu begreifen, half und hilft es mir, mich mit dem Gestern zu beschäftigen. Eines der wichtigsten Bücher hierzu ist und war mir Wir Kinder der Kriegskinder von Anne-Ev Ustorf. Gibt man "Kinder der Kriegskinder" in die Suchmaschine der Wahl ein, eröffnet sich eine Fülle von lohnenden Links für die, die Antworten auf ihre Fragen suchen. Fragen, deren Existenz oft noch tief unter dem Unbewussten verborgen sind. 

 

In meiner Kindheit spielten wir oft "Flucht". Bauten aus Tischen, Stühlen, Decken geheime Höhlen. Meine Mutter musste als 5-jährige fliehen. Innerhalb kürzester Zeit musste das Zuhause verlassen werden; mitgenommen werden durfte nur, was man tragen konnte. Sie gingen über die Schwelle hinaus und gleichzeitig Fremde hinein in ihre Wohnung, um sich alles zu nehmen, was sie wollten. 

 

Diese Frage, was ich worin mit mir tragen würde, stellte ich mir oft. Nicht nur als kleines Kind, auch später immer wieder. Meistens dann, wenn Sirenen zur Probe heulten. Salz, Zucker, Mehl, Trinkflasche, Messer, Decke, Medikamente, Nadel, Schere, Faden, ...

 

Bei uns im Dorf ist Probealarm an jedem Samstag pünktlich um 11:30 Uhr. Zum Glück ohne dieses auf- und abschwellende Heulen für Luftalarm, das meine Kinder gar nicht mehr kennen. Luftalarm. Die Kindheit meiner Eltern war davon durchzogen, meine glücklicherweise nicht. In der Grundschule im Sportunterricht spielten aber auch wir noch "Feuer-, Wasser-, Luftalarm". Ich war ein Soldatenkind. Mein Vater hatte Angst und wollte damit verhindern, dass wir als Kinder hätten sehen müssen, wovon er als 7-jähriger Zeuge wurde: Mord und Totschlag.

 

Nein, eine aktive Auseinandersetzung mit diesem Thema fand nicht statt. Und doch war es immer greifbar. Auch Sprachlosigkeit kann so laut sein, dass sie in den Ohren dröhnt - vor allem dann, wenn Fragen nicht erlaubt waren. Keine an die sprachlose Elterngeneration, keine an die abwinkende der Großeltern. Leider lebte nur noch ein einziger meiner Großväter, als ich mutiger wurde, erklärte mir, dass er sich nicht beschweren dürfe, denn auch er hätte seinen rechten Arm gehoben, weil er sich nicht hätte vorstellen können, dass etwas anderes als Gutes kommen würde. 

 

In den 70ern der Vietnam-Krieg in den Nachrichten. Diese Filmsequenz mit dem laufenden Mädchen, dem Napalm erst die Kleider, dann die Haut vom Fleisch brannte. Unsere Wohnung in Hörweite des Truppenübungsplatzes. Dieses Wummern, wenn die Panzer ihre Munition verschossen und wie im Hohn dazu, diese wundervoll ursprüngliche Landschaft drumherum, die in meiner Seele liegt. Soldaten auf den Straßen war nichts ungewöhnliches. Egal ob Niederländer, Deutsche oder Engländer. Ja und dann die Zonengrenze, die Reise in den Osten. Dieses Grauen an den Schlagbäumen, die Gewehre, der Ton mit dem nach den Ausweisen geschnauzt wurde. Die Maßregelung der Großtante "Nein, so kannst Du nicht auf die Straße gehen mit der amerikanischen Flagge auf dem T-Shirt" und würde ich es doch machen, dann wäre sie da, die Stasi. Unten auf der Straßen lachten und spielten sie aber auch nicht anders wie bei uns daheim, auf der anderen Seite. Begriffen habe ich das nicht, aber wie die Angst schmeckte, das weiß ich auch nach so vielen Jahren noch ganz genau. Ende der 70er dann "Holocaust" im Fernsehen. Ich las das Buch von Fania Fenelon, setzte mich intensiv mit diesem Teil unserer Geschichte auseinander und fragte mich, wie ich wohl in dieser Zeit gelebt hätte.

 

In den 80ern dann "The Day after" und wir diskutierten stunden-, tage-, wochenlang darüber und über EMP. Was würden wir machen, wenn? Und trotzdem lebten wir in dieser Jahren im seeligen Tal der Ahnungslosen. Vor Tschernobyl, Aids, Bhopal, ... Afghanistan war ja so weit weg. Meinten wir ...

 

Nach Afghanistan kam der Irak und später dann 09/11. 

 

Stundenlang konnte ich mich von der Mattscheibe lösen, auf der CNN ununterbrochen lief. Ich war überzeugt, dass da ein neuer Krieg beginnt. Ein großer, einer um die Welt. Und diese irrationalen Gedanken: Genug Salz, Zucker, Mehl, Milch, Eier und Wasser im Haus?

 

Seit Monaten nun ein Schlag nach dem anderen: Ukraine, Syrien, die zwei Buchstaben, die ich gar nicht ausschreiben mag, Charlie Hebdo und so viel anderes mehr, dass an meiner Weltanschauung rüttelt. Macht, Gier, Hass, Wut - eine Melange des Bösen - Protestbürger, Lügenpresse und Menschen, die um das nackte Überleben fliehen, während wir uns gegenseitig immer ausgefeilter ausspionieren, agitieren, steuern lassen. Uns nicht scheuen, dem Profit Nächstenliebe, Verantwortung, Gewissen zu opfern, um höher, schneller, weiter zu kommen. Was würden unsere Urgroßeltern wohl vom Tanz ums Goldene Kalb zu erzählen wissen? Solche Szenarien sind doch noch keine hundert Jahre her ...

 

Letztes Jahr fanden wir endlich Spuren des Urgroßvaters: Vater von fünf Kindern. Verschollen im 1. WK in Ungarn und letzte Woche die vom Großonkel: 32-jährig, Vater eines 3-jährigen und einer Tochter im Alter von drei Monaten, die er nie ansehen, sie in den Arm nehmen konnte. Verschollen im 2. WK. 

 

Wofür?

 

Dafür, dass immer wieder einer meint, intelligenter, größer, potenter, wichtiger, heroischer als ein anderer zu sein. Weil man Recht hat, weil man haben will, von dem man glaubt, dass es einem zusteht. Weil man der Größte ist, der Beste, unsterblich gar, Gott ist doch immer auf der Seite der Gerechten,

 

Zum kotzen ... 

 

Warum auch miteinander, wenn es sich gegen einander doch so lohnt!?

 

  

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