Der goldene Nussknacker am Checkpoint Charlie

In jeder einzelnen Schulklasse gibt es einen, der der Coolste von allen ist.

 

In unserer Klasse war das J. Mit dem Unterschied, dass er nicht nur unser Coolster, sondern der Coolste der ganzen Schule war und das bei vier Klassen allein im Abschlussjahrgang.

 

Er trug schon Bart, als noch niemand einen trug. Hielt seine langen Locken mit einem Stirnband zurück, fuhr auf unsere Klassenlehrerin ab und scherte sich einen Dreck um Konzessionen.

 

Unsere Schulabschlussfahrt machten wir nach Berlin. West. Über die Grenze weg, rein in die DDR mit ausgiebiger Passkontrolle durch weibliche Grenzer, weiter ohne Halt durch die DDR und über die Grenze rein in die Stadt für fünf Tage. Kalt war's dort, sehr kalt. Die Straßen voller Schnee, die Gehwege voller dunkler Matsche von Asche und Split.

 

Christiane F. und die Kinder vom Bahnhof Zoo noch in aller Munde, mussten wir unterschreiben, dass wir auf keinen Fall ins Sound gehen durften, dafür konnten wir dann aber mit Lehrerbegleitung ins Kuhdorf. Dunkel, stickig, unterirdisch & laut. Im Café Kranzler benutzten wir die Toilette. Die Besichtung markanter Punkte der Sektorengrenze und des Denkmals für nationalsozialistische Opfer waren Pflichtprogramm. Wir diskutierten mit einem Referenten über das Thema "Berlin - Weltstadt mit Problemen" und einen Tag später mit einem anderen in der Bundesanstalt für gesamtdeutsche Aufgaben über "WIrtschaft und Wirtschaftsordnung der DDR". Die Kohlrouladen im Reichstagsgebäude waren lätschig und das Kartoffelpüree wässrig.

 

An einem Abend gingen wir ins Theater. Viel interessanter aber als die Ehekomödie war, dass ganz vorne im Publikum Klaus Dahlen saß. Wir besuchten einen Flohmarkt an irgendeiner Ubahnstation und die Nofretete im Ägyptischen Museum. Tutanchamun verpassten wir knapp.

 

Ich mochte Berlin nicht. Zu groß, schmutzig, kalt, zu fremd, zu eingekesselt, zuviel Gewalt. Aber ich mochte die Nofretete, das Ägyptische und das Pergamonmuseum, das Aquarium vom Zoo, den Blick auf die Orangerie und die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche mit ihrem schwebenden Christus.

 

Am Checkpoint Charlie standen wir mit unseren Personalausweisen in den Händen für unseren Tagesbesuch nach Ostberlin an. Einzeln, einer nach dem anderen, schoben wir ihn unter einer Glasscheibe durch. "Ham Se was zu vazolln?" Es wurde geblättert, uns mehr oder weniger lange ins Gesicht geschaut, gestempelt. Wir wickelten unseren Pflichtumtausch ab. Wie in einem schlechten monochromen Film mit zu wenig Licht.

 

J. stand irgendwo hinter mir in der Reihe. Als es dort auf einmal kurz lauter und er von zwei Ostgrenzern abgeführt wurde, zogen wir alle unwillkürlich unsere Köpfe zwischen die Schultern. Berlin wurde schlagartig noch kälter, noch grauer, noch unwirklicher. Wir warteten. Sprachlos. Ich weiß nicht wie lange, aber es schien eine kleine Ewigkeit vergangen zu sein, als er endlich zu uns kam.

 

Sie hatten ihn einer Leibesvisitation unterzogen. Ein äußerst gründlichen Leibesvisitation. Er musste alles ausziehen. Sämtliche Körperöffnungen wurden gründlich visitiert. Er musste sich nach vorne beugen, die Backen auseinander ziehen und die Untersuchung ging weiter.

 

Auf das "Ham Se was zu vazolln?" hatte er mit "einen goldenen Nussknacker" geantwortet. Für den Berlinrest war er ein anderer. Nicht mehr cool. Sondern ganz schlicht einfach und wunderschön nur er selbst.

 

Als die Mauer 9 Jahre später fiel, musste ich lachen und weinen zugleich vor Freude und dieses Gänsehautgefühl hielt noch Tage später an.

 

Wer weiß, vielleicht besuche ich Berlin doch noch mal irgendwann. Ohne Grenzen, mit einem Halt, wo ich es will. Die Nofretete gucken, die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, Orangerie, Museumsinsel, den Zoo und durch das Brandenburger Tor durch, statt nur entfernt davor stehen zu können, ohne einen Todesstreifen, ohne Schlagbäume. Ohne Willkür, ohne Angst. Aber mit einem goldenen Nussknacker in meinen Gedanken!

Kommentar schreiben

Kommentare: 1
  • #1

    Angela (Mittwoch, 05 November 2014 15:27)

    Hihihihihi. Das war schon krass damals. Hab genau diese Belehrungsreise auch gemacht. Anfang der Achtziger. Vielleicht genau im gleichen Jahr?
    Ostberlin: Zwei Klassenkameradinnen mussten 20 DM zahlen, weil sie bei Rot über die Fußgänger-Ampel gegangen sind. Und ich bin zusammengestaucht worden, weil man im Café sich nicht einfach selbst einen Platz aussuchen durfte. Sehr ungewohnt, das. Befehle befolgen...
    Viele Grüße
    Angela