Nachtfalter

04:00 Uhr

 

Ihre volle Blase ist ein gnadenloser Wecker.

 

Von der Toilette aus läuft sie die wenigen Schritte zum alten Klavierhocker, dessen kühles Leder unter ihrem Gesäß schnell warm wird. Im fahlen Mondlicht flattert ein samtig silbriger Falter vergeblich gegen das geschlossene Fenster, bis sie es weit öffnet. So bleibt sie sitzen, bis sich um 09:00 Uhr der Schlüssel im Türschloss dreht.

 

Ein neuer Tag. Eine neue Pflegerin. Nur sie bleibt immer die ewig gleiche Alte im Nachthemd. Ab ins Bad. Ausziehen. Der feuchte Waschlappen, mal kühl, mal warm, der über und in ihr welkes Fleisch fährt. Zähne putzen. Die weiche Bürste auf dem Haar. Eincremen. Anziehen. Frühstücken. Jeder neue Tag ein lahmer Zwilling des vergangenen. Die Wahl zwischen Radio und Fernseher verdämmernd, versickern ihre Gedanken zwischen den Sofakissen. Es ist gesorgt für sie. Essen, Wärme, alles, was das Leben bequem macht. Frieren und hungern wie in ihrer Kindheit muss sie nicht. Auch keine Angst haben, aus ihren vier Wänden vertrieben zu werden. „Ich bin alt“ sagt sie sich zwischen Gemüsesuppe und Grießschnitte. Sie wandert durch die Räume. Nimmt hier eine gerahmte Fotografie, dort das tönerne Rehkitz in die Hände. Streicht sanft über Buchrücken, rückt die Bettdecke zurecht und einer Spinnwebe im Flur zu Leibe. Tage wie dieser nesseln von innen. Da, wo man nicht kratzen kann. Endlos in all ihrer Monotonie. Schleichen schon viel zu lange allein. So viel gelebt, dass sie in manchen Momenten nicht mehr weiß, ob die Träume wahr oder das Wahre Träume sind. Sie fragt sich, ob sie wirklich alles loslassen kann, ob es weh tun wird. Ob da ein Danach ist? So wandert sie weiter, bis die Sonne untergeht und sie sich selbst im Spiegel zwinkern sieht.

 

„Ich bin alt“ sagt sie leise. Und dann „Ich bin schön“.

 

Geht ins Schlafzimmer, um sich aus- und das Nachthemd, das vom Morgen, das ewig gleiche, anzuziehen. Setzt sich auf den alten Klavierhocker am Fenster und schaut dem Mond beim Aufgehen zu, bis er rund und reif seinen höchsten Punkt erreicht.

 

Sie geht in den Garten, vorsichtig bedacht, um nicht zu stürzen. Schlüpft aus den Hausschuhen mit bloßen Füßen auf das nachtfeuchte Gras. Langsam, ganz langsam beginnt sie sich im Kreis zu drehen. Sieht ihr Haus dunkel und verlassen, ihren Garten, hüllt sich in den Duft der Mondviole. Ganz ruhig ist es, keine Geräusche von der Straße oder den Nachbarhäusern her. Irgendwo, weit entfernt, ruft klagend ein Käuzchen. Noch einmal dreht sie sich zu ihrem Haus, hebt die Hand zum Gruß und schenkt ihm ein Lächeln. Dann greift sie nach dem Saum des Kleides, zieht es sich über den Kopf, legt es zusammen und in die Kühle neben ihren Füßen. Schlüpfer und Büstenhalter darauf und als letztes den Ring, den sie sich von der linken Hand zieht.  Ihre Knie knacken wie brechendes altes Holz, als sie in die Hocke geht und mit den Händen die Füße umfasst, hoch fährt zu den Waden, den Oberschenkeln, sich zurück in den Stand stellt, mit den Händen am Po, vor zum Schoß, den Nabel, ein letztes Mal ihre Brüste umfasst, dann den Hals, das Gesicht, die Haare.

 

Sie schließt die Augen, streckt ihren Körper noch ein kleines bischen stärker durch, breitet die Arme aus. Denkt an das was war, was ist und was sie mit sich tragen wird.

 

Stößt sich ab und hebt mit weichen Flügelschlägen ihren bloßen silbrigen Leib Richtung Mond in eine samtene Nacht ohne Fensterscheiben.

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Kommentare: 3
  • #1

    Katharina (Donnerstag, 04 September 2014 08:02)

    Wunderschön ♥

  • #2

    Angela (Dienstag, 09 September 2014 14:34)

    Ach, wenn das richtige Leben doch so wäre...
    Liebe Grüße
    Angela

  • #3

    Garnprinzessin (Sonntag, 21 September 2014 17:00)

    Hach, ein Tränchen... Wie schön!!!

    Alles Liebe sendet die

    G.