Die verstrickte Dienstagsfrage 32/2014

Via Das Wollschaf.

 

“Selbstgestrickte Sachen brauchen nicht perfekt zu sein, es ist schließlich Handarbeit” – stimmst Du dieser Aussage zu?"

 

Perfektion ist für mich im Zusammenhang mit Handarbeiten nicht der prätentiös maliziöse Ansatz, meine Handarbeit in Punkto Ausführung auf die Spitze zu treiben, sie erst zu beenden, wenn alles daran stimmt. Ich bin kein Sushi-Koch, dessen Lehrzeit sich mal locker auf 10 Jahre summieren kann und der einzelne Handgriffe wirklich so lange übt, bis sie perfekt sitzen. Jener verdient seinen Unterhalt mit Perfektion. Für mich ist es perfekt, dass ich für mich und für die, die ich liebe, etwas mit meiner Hände Arbeit herstellen kann und darf, nicht muss. Ich mache das mit Spaß und Freude. Bekomme ich etwas gehandarbeitetes geschenkt, schätze ich es auch nicht nach der Güte der Ausführung wert, sondern nach dem Sinn, wieso, weshalb, warum es zur Gabe für mich wurde. Das wärmt mir das Herz.

 

Natürlich gehe ich an meine Handarbeiten mit der Intention heran, dass sie meinen Ansprüchen genügen müssen. Ich mag da nicht schludern und bin ich unzufrieden, trenne ich auf, was durchaus mehrfach bei einem Strickstück passieren kann.

 

Vor einigen Jahren, ich glaube, das war noch vor oder ganz zum Beginn von ravelry, nee, eher wirklich davor, durfte ich zu meiner großen Freude (ich geb zu: auch Ehre) für eine preisgekrönte Jungdesignerin eines ihrer ausgezeichneten Strickstücke 1:1 nacharbeiten. Auf die Masche genau, auf jeden Ungenauigkeit, jeden Fehler genau. Als die Designerin ihre Kollektion erstellte, fing sie einfach an zu stricken, ohne es vorher zu können. Als meine Mutter sah, was ich da nach Originalvorlage strickte, fing sie an zu lachen, denn sie sah genau eines: ein sackiges, unförmiges, unperfektes Strickstück, das für sie keinen Preis der Welt wert war. Ja, es war sackig, unförmig, unperfekt. Die Wolle war ganz normale, überhaupt nichts besonderes oder edles. Was nicht zu sehen war, war das, was hinter diesem Stück steckte und das es für mich zu einem Schatz und perfekt machte. Ich habe es geliebt. Für mich war es Perfektion und ein Highlight in meiner ureigenen Strickerinnengeschichte.

 

Was ist schon perfekt? Für mich mag ein Pullover perfekt sein. Für eine andere eben nicht, weil ihr die Farbe nicht passend erscheint. Oder die Form, mein Alter, mein Übergewicht, das Material.

 

Am allerperfektesten sind natürlich die selbsternannten Strickpolizistinnen, die so von sich überzeugt sind, dass sie, treffen sie auf ein anderes Strickstück, gleich danach auf die Suche gehen, wo und wie Anfangs- und Endfäden vernäht sind, wie die Fadenspannung sich zieht und so weiter und so fort. Gibt's nicht? Gibt es wohl. Eine ganze Entourage davon habe ich beim 2. rav-Treffen erleben dürfen. Das gehört zu den Downlights meiner ureigenen Strickerinnengeschichte.

 

Einer meiner perfekten Tage:

 

Mit meinen Strickfreundinnen zusammen zu sitzen. Gemeinsam mit ihnen zu stricken, lachen, ratschen, diskutieren, feiern, ernstes bereden, Ideen und Anregungen austauschen, Wolle und Strickstücke bewundern, Wünsche aussprechen, ehrlich sein, Danke sagen zu können, sich zu umarmen und gemeinsam miteinander das Essen zu teilen.

 

Perfekt!

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Kommentare: 1
  • #1

    Fritzi (Mittwoch, 06 August 2014 15:24)

    Liebe Ev?,

    das hast Du sehr schön geschrieben! Spricht mir aus der Brust ;)

    Herzlichst Bine