Liebeserklärung

Das Loslassen annehmen.

 

In dem Moment, in dem Dein Kind geboren wird, es Deinen Leib verlässt, lässt Du es zum allerersten Mal los.

 

Du wirst es noch oft machen, viele Male und Du wirst Dir in solchen Momenten nicht jedes Mal im Klaren darüber sein, dass Du es gerade loslässt, Dein Kind.

 

Kinder sind ein Geschenk auf Zeit, heißt es, und dass man nicht in der Hand behalten kann, was man krampfhaft in seiner Faust festzuhalten trachtet.

 

Tritt ein Kind in Dein Leben, wirst du Verantwortung dafür übernehmen, Du wirst es nähren, beschützen, seine ersten Schritte bewachen und bejubeln, wirst sein Lehrer, sein Schutz, seine Heimat sein. All das. Dein Kind aber, das wird Dich lehren, was es heißt zu leben.

 

Du wirst singen für Dein Kind, es lieben, mit ihm lachen und weinen. Du wirst an ihm wachsen und es an der Hand halten, seinen Schlaf behüten. Du wirst Angst haben um Dein Kind und manchmal wirst Du denken, dass es Dich um den Verstand bringt, Dich wahnsinnig macht. Es wird Deine Grenzen sprengen.

 

Du wirst es lieben, Dein Kind, auch dann, wenn Du Dir dessen gar nicht mehr bewusst bist.

 

Es wird wachsen Dein Kind, eigene Wünsche äußern. Irgendwann wird es nicht mehr in den Spuren laufen wollen, die Du ihm vorgelebt hast. Es wird seinen eigenen Träumen folgen wollen und dann wird sich erweisen, ob Du wirklich bereit dazu bist, das zuzulassen. Weh wird es Dir tun, wenn Du nicht verstehst, warum gerade jetzt, warum gerade das und wieso überhaupt? Du wirst Dir sagen, dass Du das nie gemacht hättest. Aus Angst, Respekt, weil Du es einfach besser weißt, weil Du mehr Jahre gelebt hast – und über all dem vergisst Du ganz leicht, dass Du auch mal Grenzen sprengen, ziehen, lieben, leben wolltest. Und? Wie war das bei Dir? Durftest Du? Ließen Deine Eltern Dich? Und nahmst du Dir damals nicht vor, alles anders zu machen? Bei Deinem eigenen Kind?

 

Wirst Du stolz sein auf Dein Kind, wenn es seinen eigenen Weg geht? Wirst Du es ziehen lassen in seine unbekannten Gefilde? Auch und gerade dann, wenn Du Dir alles ganz anders vorgestellt hast? Andere Pläne hattest für Dein Kind?

 

Du weißt schon: Klar, Du wolltest, dass Dein Kind es leichter hat, dass es erfolgreicher ist als Du, dass es erreicht, von dem Du geträumt hast. Aber träumt auch Dein Kind davon?

 

Wirst Du Dein Kind lieben, wenn es sich nicht als Blitzdüse, superintelligent und als Hochschulabsolvent entpuppt? Was machst Du dann mit all den Plänen, die Du geschmiedet hast, damals, als es noch in Deinen Armen schlief, Du es mit Deinem Körper ernährt hast? Damals, als Du Utopia leben wolltest, Dir alles machbar schien? Du überzeugt warst, Deinem Kind alles zu ermöglichen?

 

Was, wenn das Schicksal für Dein Kind bereit hält, was Dir vor ihm als unüberwindlich erschien? Was, wenn es nicht der Norm entspricht? Ganz anders ist. Auch anders als Du! Was wirst Du denken, wenn Dir jemand sagt, dass er sich für sein Leben genau dieses Kind, dass Du so von Herzen liebst, als zu große Schwierigkeit und damit als unmöglich vorstellt? Wie tröstest Du Dein Kind, wenn es verletzt wird, nicht nur am Körper, sondern an der Seele? Wenn ihm jemand sagt, dass es dumm ist? Wenn sich Menschen von ihm zurückziehen, weil es anders ist? Wirst Du ihm beim Erreichen seiner Ziele helfen, auch wenn andere diese für als zu schwierig erachten?

 

Ja.

 

Du wirst es machen. Denn Du glaubst an Dein Kind. Du liebst es, wie es ist. Du weinst mit ihm, Du verzweifelst mit ihm, Du machst ihm Mut und es wird Dich mutlos machen.

 

Und irgendwann wirst Du merken, dass Du Deinem Kind nichts mehr beibringen kannst, dass es vielmehr selbst zu Deinem Lehrer geworden ist.

 

Das ist der Moment, in dem Du Dein Kind loslassen kannst.

 

Weil es Zeit dafür ist, dass es sein Leben selbstbestimmt erforschen soll und wird. Damit Ihr, wenn es zu Dir kommt, Euch an den Händen nehmen, miteinander lachen, lieben, auf Euch stolz sein könnt.

 

Weil es wichtig ist, dass Du es loslässt. Und dieses Loslassen wird die größte und glänzendste Perle auf Eurer gemeinsamen Lebenskette sein.

 

Du.

 

Und Dein Kind.

 

Ihr.

 

Zusammen!

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Kommentare: 3
  • #1

    Barbara (Donnerstag, 06 März 2014 12:02)

    Liebe Ev, ein toller Text und ich hoffe, dass ich meinen Jungs ermöglichen kann, ihren Weg selbst gehen zu dürfen.

  • #2

    Anyarnja (Montag, 10 März 2014 17:45)

    Liebe Ev,
    ein wunderbarer Text - danke dafür! Ich selbst habe leider keine Kinder, aber in meiner Familie tut sich jemand gerade sehr schwer mit gerade eben diesem Thema. Ich werde sie auf deinen Text (sie ist kaum im Internet unterwegs) hinweisen, weil ich glaube, dass er ihr gut tun wird - danke nochmal!
    Liebe Grüße;
    Anja

  • #3

    Ev (Mittwoch, 12 März 2014 20:36)

    @ Barbara: Du schaffst das! Bist eine ganz liebe & tolle Mami, die mich von Beginn an mehr als überzeugt hast!
    @ Anja: Ganz herzlichen Dank für Deine lieben Worte ♥! Ich schick mal eine virtuelle Umarmung Richtung Deiner Familie. Trotz und vielleicht auch Entscheidungshelfer: Den perfekten Zeitpunkt für Kinder gibt es nicht. Hätten wir auf den warten wollen, dann wären sie wohl nicht die, die sie jetzt sind.
    Allerliebste Grüße Euch beiden,
    Ev