Älter werden

Ich hab sie gebraucht, meine Pause hier. Ich habe sie gerne genutzt.

 

Ich empfinde es als wichtig, mich selbst immer wieder zu hinterfragen. Zurück zu blicken und nach vorne. Was ist mir weiter wichtig? Was nicht? Was möchte ich noch lernen? Was behalten? Was lassen? Ich lege Jahre zu wie ein Baum seine Ringe; meine Rinde ist weicher, Spuren trägt auch sie.

 

Meine Geburtstage sind ganz normaler Alltag für mich, aber zwei von ihnen brachten mich zum weinen: Der 21. und der 50. Ersterer, weil das Ende der Kindheit endgültig vollzogen war, zweiterer, weil - nun ja - ein gelebtes halbes Jahrhundert, das darf schon mal mit Tränen begossen werden, denn mit diesem Geburtstag ist man alles: nur eben nicht mehr jung.

 

Genau drei Tage vorher erwischte es mich kalt, dieses "Ich bin doch noch gar nicht so alt". Doch. Ätsch. Bin ich eben wohl! Drei Tage hielt es an dieses Gejaule - nur um danach spurlos zu verschwinden. Und jetzt, mehr als ein Jahr später, wo so Viele um mich herum die magische 50 zelebrieren, vor ihr Angst haben und sie vergolden, kann ich genau eines sagen: "Ist alles gar nicht so schlimm, sondern genauso wie es mit 49 war". Heulen werde ich erst wieder zum 70. und dann zum 90. Bei letzterem vor Freude, weil ich dann sagen kann "Ich habs Euch doch schon immer gesagt".

 

Älter werden ist nicht leicht. Es ist ein stetig sich weiter entwickelnder Prozess, der sich letztendlich unausweichlich auch mit der eigenen Vergänglichkeit auseinander setzt, die keinen Platz mehr findet in unserer hochtechnisierten, durchgestylten & operationsästhetischen schöner Schein-Welt.

 

Alles muss perfekt sein: Das Auto, die Wohnung, der Sex, die Kinder, der Partner, das Food-Styling. Und die Jugend. Die ganz besonders, denn - Haha - wir sind doch wer. Wir. Die Silver-, die Best-Ager, in DER Form unseres Lebens. Dieses von uns Frauen selbstgemachte Diktat. Laaaaangweilig ...

 

Ich geh mich dazu grad mal gepflegt übergeben, ja?!

 

"Älter werden, ja genau, älter werden", möchte ich den Winselstuten, den Krampfzicken und den omnipontenten Man-ist-so-jung-wie-man-sich-fühlt-Beteuerinnen zurufen, "das läuft nicht so grad neben her. Das muss man anpacken, annehmen, -rempeln - sich danach das Diadem richten, das Winkfleisch eincremen und ganz bewusst uneingepackt armfrei lassen, die Kronen mit dem Interdentalbürstchen pflegen, die arthritischen Knie bis zum Knackpunkt bewegen - und aufhören so zu tun, als wären wir nicht nur besser als jeder Mann, sondern auch noch als jede faltenlose 20-jährige."

 

So nervig, diese Menschen, die immer und ungefragt überall betonen müssen, dass sie ja von innen her höchstens 30 sind, blablabla, ... und darüber völlig aus den Augen verlieren, dass es die grandiose Chance des Älterwerdens ist, dass ich mir erlaube, auf einen reichen Fundus an Erfahrungen zurück zu greifen, so viele Klippen umfahren und so viele Stürme überlebt zu haben und jetzt das Beste daraus zu machen. Und dazu zu stehen.

 

Und ja, verdammt noch mal, älter zu werden ist nichts, was mal so eben nebenbei geschieht, wenn Deine Augen nicht mehr so mitmachen, Du mit den Wechseljahren zum 2. Mal in die Pubertät rutschst, nur dieses Mal rückwärts, Deine Haare dünner werden und weiß, Du Dich vielleicht mit Inkontinenz, Hämorrhoiden und Osteoporose auseinander setzt, während um Dich herum die Einschläge immer näher kommen.

 

Das Altern hat einen morbiden Charme, der es verdient, gefeiert und nicht betrauert zu werden, wofür noch genug Zeit bleibt, wenn der letzte Vorhang fällt.

 

Und da er das wird, der Vorhang, nämlich fallen, sollte man sich spätestens mit einem gelebten halben Jahrhundert darüber im Klaren sein, dass die Wahl, wie jedes weitere Jahr dorthin gelebt werden darf, schlussendlich nur von einem einzigen Faktor abhängt: Von mir, Dir, Euch selbst.

 

Bunt. Mit Tränen und Lachen. Voll Liebe. Trauer. Freude. Immer schön auskosten. Neues wagen. Nicht aufhören mit dem Lernen. Aber auch kompromissloser und mit einem gesunden Quentchen Eigensinn und Egoismus. Mit Respekt vor der Jugend und ohne Besserwisserei, denn die, daran erinnere ich mich genau, die macht einem nämlich das tatsächlich jung sein manchmal so unendlich bitter. Und wollten wir das nicht ganz anders machen - damals - als uns das Alter noch so unendlich fern schien?

 

Dann klappts auch wirklich mit dem Alter. Ohne Bedauern und dem überflüssigen Gefühl, etwas verpasst zu haben, dann verpasst wird jeden Tag, jede Woche, das ganze Leben lang. Das geht gar nicht anders.

 

Dafür ist es nie zu früh. Und nie zu spät!

 

Kein Zerr- und/oder Vexierbild von mir, um Dritten gegenüber einen Status, ein Image aufrecht zu erhalten, an dem sie doch nicht interessiert sind.

 

Für heute, für diesen Monment, ist das mehr als überreichlich, mein Leben für mich leben zu dürfen, nicht um Erwartungen Außenstehender zu erfüllen, sondern nur meine ureigenen.

 

Dafür, dass das so ist, bin ich dankbar, dafür, dass es mir gut genug geht, mir solche Gedanken leisten zu können.

 

Alt?

 

Ist o.k. Gerne. Warum auch nicht?!

 

Und für solche, wie das arme Silikonwürschterl, das mir schon zu meinem 39. erzählte, dass mit 40 alles vorbei sei, aber sogar ich mit Hilfe eines ordentlichen Schönheitschirurgen dieser Tatsache ein Schnippchen schlagen könnte, der Link zum wunderbaren Blog Advanced Style - und hier ganz besonders zum prachtvollen Eintrag vom 06.01.2014.

 

Yes, Baby, genau so ♥!

 

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Kommentare: 3
  • #1

    Soeckchen (Mittwoch, 12 Februar 2014 11:35)

    Das hast Du wundervoll geschrieben.
    Und schön, wieder von Dir zu lesen :-)

    Liebe Grüße,
    Anna

  • #2

    Ruthy (Freitag, 14 Februar 2014 10:23)

    Ich bin ja eigentlich auch alt ;) Mein Körper sagt mir das shon einige Zeit. Nur der Kopf will noch nicht so recht. Aber ich lasse ihn da einfach ;)
    Schön, daß Du wieder da bist.
    Liebe Grüße, Ruthy

  • #3

    Martina (Sonntag, 16 Februar 2014 13:02)

    Hach Ev -
    das hast Du wieder sooo schön auf den Punkt gebracht - you made my day!!!
    Schön, wieder von Dir zu hören/lesen :))