Mein Weihnachtsexperiment

Ich verpackte ganz bewusst eines meiner selbstgemachten Magenwohlweihnachtslikörflascherl schön und nahm es mit ins Büro.

Um 07:20 Uhr war ich da und wartete während meiner Arbeit darauf, ob mir ein Mensch begegnen würde, der Weihnachten in sich trug.

Begegnet sind mir so einige: Ewig gestresste, gehetzte, kurz angebundene, mufflige, nervöse. Allen wünschte ich gesegnete Weihnachtsfeiertage und einen guten Rutsch. Ich verteilte Grüße per Mail, auf die ausgerechnet die böse Sekretöse repetierte. Als einzige.

Ich arbeitete und wünschte mitten in einen verknäulten Haufen Hatz wieder mein "Gesegnete Weihnachtsfeiertage & ein gutes neues Jahr", worauf ich Blicke erntete, die die Frage in sich trugen, was ich wohl eingeworfen hatte?!

Ganze zwei Butterschnitten und zwei Stücke Cake Financier.

Mehr nicht.

Um 14:00 Uhr dann klingelte die Bingo-Glocke.

Der Mann von der Pforte bot mir lächelnd selbst gemachten Kuchen an. Nicht nur mir, auch allen anderen, die zu ihm an die Pforte kamen. Ruhig, freundlich, unaufdringlich, so nett wie immer. Und weil morgen Weihnachten ist.

Ich fragte "Trinken Sie auch Alkoholisches?" und "Moment mal" - entschwand in mein Büro, kam mit dem verpackten Flascherl zurück und überreichte es ihm mit den Worten "Das ist für sie. Sie sind der erste Mensch der mir heute begegnet, der tatsächlich Weihnachten in sich trägt". Er wollte nicht glauben, was ich da sagte und freute sich doch gleichzeitig wie ein freundlicher und liebenswerter Mensch sich nur freuen kann.

Dieser Mann hat keine akademischen Titel. Er ist nicht reich. Er definiert sich nicht über irgendwelche Statussymbole. Vielen wird er nicht auffallen, denn er ist ein ganz einfacher, unauffälliger Mensch. Aber er ist ein Mann, der Weihnachten nicht als ein 3-Tage-Event im Jahr begreift, sondern als Botschaft und Anspruch. Und diese Überzeugung lebt. Auch und gerade, wenn er kein Christ ist.

Der einzige Mensch, der mir heute bis 14:00 Uhr begegnete und wirklich die Weihnachtsbotschaft begriffen hat und in sich trägt, ist nicht nur, aber auch eines:

Moslem.

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Marina (Mittwoch, 25 Dezember 2013 11:26)

    Ich bin gerührt. Zu Herzen.

  • #2

    Angela (Sonntag, 29 Dezember 2013 18:28)

    Ist das klasse! So was Schönes! Tolle Aktion und tolle Geschichte!
    Liebe Grüße
    Angela