Wovon wir träumten

von Julie Otsuka.

 

Ich interessiere mich sehr für Frauenleben. Aus Europa. Aus Asien. Aus Afrika. Aus allen Kontinenten. Ich interessiere mich sehr für Frauenfragen. Für die geschichtlichen Entwicklungen, die gesellschaftlichen, politischen, religiösen.

 

In irgendeiner Parallelwelt bin ich Ethnologin. Anthropologin. Kulturwissenschaftlerin. In unserer Welt bin ich Ev und verschlinge alles Gedruckte, was ich zu diesen Themen finden kann.

 

Julie Otsukas Art zu schreiben ist eine sehr ungewöhnliche. Eigentlich ist das, was sich zwischen Seite 1 und Seite 157 findet, eine einzige detail- und facettenreiche Aufzählung. Ihren schmerzlichen Höhepunkt, der mir rasend schnell die Tränen in die Augen trieb, erreichte sie im Kapitel "Letzter Tag". Das letzte Kapitel danach "Ein Verschwinden" ließ mich ausgehöhlt zurück. Wie einen eiternden Zahn, der nun ausgeräumt ist, dem der Nerv durch die Wuzeln entfernt wurde. Seltsam taub für alles außerhalb der papiernen Seiten.

 

Faschismus fand nicht nur hier statt. Faschismus fand auch in "Gods own country" statt. Und so, wie dieser Krieg meine Eltern zu schwerst traumatisierten Kindern verbog, so hinterließ garantiert auch der amerikanische Faschismus Spuren in diesen Kindern japanischstämmiger Migranten, die bis heute wiederum in ihren Kindern zu spüren sind, so wie die meiner Vorfahren bei mir. Mit dem einzigen Unterschied, dass die ganze Welt weiß, was hier passierte und nur wenige etwas darüber, was sich in Amerika abspielte.

 

Rassismus wächst auf dem Nährboden von Angst, Hass, Neid und Missgunst. Dageben kann jeder Einzelne von uns etwas tun. Und sei es, dass wir die Erinnerung an erlittenes Unrecht wach halten. Mitfühlend. Zur Mahnung, Zur Abschreckung. Nicht zu schweigen, seine Stimme zu erheben, ist ein guter Anfang. So wie jeder andere auch.

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