Weihnachtsramtamtam ...

Ich bin ein echtes Winterkind.

 

Ich liebe die kalte, dunkle Jahreszeit, die vermeintlichen Stillstand, für mich gleichbedeutend mit Kontemplation und Kraftsammlung für das kommende, vibrierende Frühjahr, bringt.

 

Weihnachten war mir immer mein liebstes Fest. Samt  altmodisch glitzernden Papieradventskalendern, Honigwabenkerzen, Adventskranz, Backdüften, beschürzter Küchenemsigkeit, ruhigen Melodien, Eis und Schnee.

 

Höhepunkt der Heilige Abend. Familienidylle, Walnusskerne auf dem Gugelhupfzuckerguss, Kirchenbesuch, der klingenden Tischglocke, dem Weihnachtsbaum, 3 Nüssen für Aschenbrödel im Fernseher und dem Austausch der Geschenke,

 

Nostalgisches Hinterherheulen der Kinderzeit? Mitnichten. Aus vielerlei Gründen. Und nicht nur deshalb, weil ich mittlerweile zwar nicht gegen Gugelhupfzuckergüsse, wohl aber gegen Walnüsse allergisch bin.

 

Ich mag die Weihnachtswinterzeit nachwievor. Das Backen, das Dekorieren, das Insichgekehrtsein, die Überlegungen, wer sich wohl über was wie freut, die sanfte Musik und 3 Nüsse für Aschenbrödel, Eis und Schnee sowieso.

 

Und doch ist da was faul im Weihnachtswunderland:

 

Begann, nicht nur für mich, die Weihnachtszeit traditionell am 01.12. bzw. am 1. Advent, so weicht sie sich mittlerweile immer weiter nach vorne auf.

 

Egal ob 01.12. oder 1. Advent, ihren Anfang nahm sie für mich immer in dem Moment, in dem ich das 1. Türchen an meinem Adventskalender öffnete. Niemals öffnete ich vor Neugier alle auf einmal und für die mit Schokoladenfüllung konnte ich mich einfach nicht erwärmen. Ich wollte, Flitter, Glitzer, Engel, Nostalgie.

 

So ist das bis heute geblieben.

 

Nur mit dem Unterschied, dass, je weiter sich die Weihnachtszeit kommerziell aufweicht, sich in mir immer weniger die Lust an ihr erschließen will und - geht das so weiter mit Weihnachtsgebäck ab September in den Läden, dümmlich kreischenden Weihnachtsmännern im TV und Weihnachtsmärkten schon ganze zwei Wochen vor dem 1. Advent und 3 Nüsse für Aschenbrödel bereits im November - dann ist sie vielleicht irgendwann ganz und gar weg.

 

Ich hatte schon mal so eine Phase:

 

Ich war 15, Weihnachten kam und auf dem abendlichen Heimweg rutschte unser Schulkamerad Bomber auf seinem Krad von der Fahrbahn ab, krachte frontal in ein entgegenkommendes Auto und Exitus. 

 

Am Heiligen Abend predigte unser Pfarrer über die Unvernunft seiner Jugend, die in ihrer Rücksichtslosigkeit den Eltern das heilige Fest zerstörte. Der Pfarrer, der mich viele Jahre meiner Schulzeit im Religionsunterricht begleitete, durch die gesamte Konfirmationszeit, in der ich, bei einer Konfirmantenfete den ersten Stehblues meinen Lebens tanzte, der Pfarrer, der an diesem Abend in mir Wut und Trauer bis fast hin zu trotzigem Hass auslöste. Seit dieser Predigt, bin ich nie wieder wirklich mit dem Herzen an einem Weihnachtsabend in einem Gottesdienst dabei gewesen.

 

Ich fragte mich nicht, wie Gott es zulassen konnte, dass Bomber starb. Ich fragte mich, wie sich ein Pfarrer mit Fug und Recht Pfarrer nennen durfte, der etwas predigte, das nichts mehr mit der Liebe zu tun hatte, die dieser Abend bis zu diesem Tag in meinem gläubigen Selbstverständnis in sich trug.

 

Ich habe bis heute nur bei Danzer Antwort darauf gefunden: Gott statt Religion, habe das für mich akzeptiert und meine Konsequenzen daraus gezogen.

 

Unsere Kinder gaben mir ein Stück Weihnachten zurück, ganz besonders auch dann, wenn sie mitten im schönsten Sommer Weihnachtslieder sangen. So viel Liebe.

 

Sie sind nun erwachsen und erleben diese Zeit nicht mehr mit vor Staunen und Aufregung großen, runden Augen.

 

Manche Rituale, wie etwa einen Adventskalender, habe ich beibehalten, auch für mich, ich liebe es noch immer, dieses ganz besondere Gefühl beim Öffnen eines papiernen Kalendertürchens.

 

Aber dieses ganze geballte Konsumramtamtam widert mich von Jahr zu Jahr mehr an. Ich bin sie leid, diese hässlichen Plastikforellen mit Weihnachtszipfelmütze auf dem Kopf, die elektronisch "Jingle Bells" plärren. Diese gruseligen Zwitterwesen zwischen Nikolaus und Weihnachtsmann, die ihre Zombie-Hüften abgehackt von rechts nach links schieben, über Rudolfs red nose über sämtliche Amplituden kreischen, während ihre Augen blinken.

 

Das ist kein Weihnachten für mich. Das ist die obszöne Karrikatur eines Festes, in der es nur noch um Konsum geht. Kaufen, Fressen, Saufen. Und schon jetzt dran denken, die 30 kg, die man sich während dieser Tage angefressen hat, pünktlich zum 01.01. wieder zu bekämpfen.

 

Einen passenden nostalgisch glitzernden Adventskalender für mich habe ich dieses Jahr noch nicht gefunden ...

 

 

 

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