Ich hab dann mal Altersarmut ...

Viele Jahre krumm gelegt. Auf so einiges verzichtet, um die eigenen vier Wände zu realisieren. Ja, auch zur Altersabsicherung. Quasi als eine andere Art von Riesterrente.

 

Arbeiten gegangen, trotz der Kinder, weil wir es uns nicht hätten leisten können, dass einer von uns eben wegen der Kinder nicht arbeiten geht.

 

Wir leben schon im Jetzt und Hier, aber wir leben auch ein bischen im Gedanken an die Zukunft. An unsere und die unserer Kinder.

 

Und weil das so ist, gab es bei uns viele Jahre keinen Urlaub, bin ich noch nie in einem Flieger gesessen, haben wir aus Überzeugung Schrottkisten gefahren, habe ich Klamotten für mich oft genug nur als Second Hand gekauft, haben wir verzichtet, um unsere Kinder nicht allzu viel verzichten zu lassen. Nur bei der Ernährung, da war für uns Geiz nie geil und über die angeblich lediglich 10 % eines deutschen Lohnes, die für Lebensmittel ausgegeben werden, da konnten wir schon immer nur verzweifelt lachen.

 

Ich kann und konnte ganz bewusst verzichten: Auf das Fliegen, auf Wellness, auf teure Markenklamotten und auf ein schickes Auto vor der Tür. Ist kein Problem für mich, meinen Fokus dort anzusetzen, wo er für mich richtig und wichtig erscheint.

 

Als unsere Kinder klein waren, war die all-inclusive-Karibik, ein New York-Trip oder Venedig bei Nacht nicht drin in unserem Portemonnaie und nun, wo sie groß sind, ist der Tschechien-Urlaub im gemieteten Ferienhaus mein persönliches Barbados. Ehrlich, ich bin mit unserem Status Quo zufrieden, auch oder vielleicht gerade weil wir ihn uns hart erkämpft haben.

 

Das ist mein Leben. Familie mit Kindern, die eigenen vier Wände, Arbeit, weil ich ein Bedürfnis nach Sicherheit, nach Absicherung habe.

 

Rund um mich gibt es viele andere Lebensziele. Egal, ob mit oder ohne Kinder, in fester Beziehung, als Single oder an jeglichem Kelch nippend, in der Stadt, auf dem Dorf, in der Natur, mondän und alternativ, proletarisch und akademisch, grau und bunt, jung und alt, Wichtig ist doch nur, dass in den eigenen Linien gelebt wird. Mit Akzeptanz und Respekt für das, was ganz anders ist, als man es selber kennt.

 

Und dann kommst seelengestreichelt und grundentspannt aus der böhmischen Auszeit zurück und liest, siehst, hörst das und möchtest kotzen.

 

Hallo? Unter einem Monatsverdienst von 2.500 € droht ab 2030 Altersarmut? Wie denn jetzt -2.500 brutto oder netto? Haha, o. k., das war es jetzt von mir mit schlechten Witzen.

 

Ein Verdienst von 2.500 € entsprach jetzt mal so ganz grob zu D-Mark-Zeiten einem Verdienst von, rechne ich jetzt mal ganz päb mit 1:2 um, 5.000 DM. Man möge mir verzeihen, in Situationen wie diesen rechne ich noch immer um. 5.000 DM war damals, man verzeihe mir wiederum meine Nostalgie, ein guter Verdienst. In den 80ern lag mein monatliches Bruttoeinkommen bei ca. 2.300 DM, was heute so flockigen 1.150 € ensprechen würde. Von diesem Verdienst konnte ich mir als Single eine 2-Zimmer-Mietwohnung mit Fußbodenheizung leisten und meinen eigenen kleinen Fiat. Ja, doch, früher war der Teufel ein kleiner Junge, ich weiß das und ich weiß auch, dass ich mich mit meinem kleinen Fiat heute auch nicht mehr wie damals auf die Autobahn trauen würde, und trotzdem, ich habe auch damals nicht in Saus und Braus gelebt, aber durchaus zufrieden und war auch defintiv über die Grenze für z. B. Wohngeld hinaus, wie es eine meiner Freundinnen bekam.

 

Heute habe ich ein Bruttogehalt von über 2.000, aber unter 2.500 €, bin zufrieden mit meinem Leben, es fehlt mir an nichts, was für mich wichtig wäre. Natürlich würde ich mich gerne mal in einen Flieger setzen, mal nach London zum Shopping fliegen, mir meine Augen lasern lassen oder zur Abwechslung mal ein neues Auto mein eigen nennen. Aber darüber lamentieren möchte und will ich nicht, das Niveau dafür wäre mir eindeutig zu hoch, denn ich muss nicht hungern, frieren, fliehen, ich habe als Frau Rechte und ich darf offen meine Meinung äußern.

 

Und trotzdem platzt mir schier der Kragen, wenn ich dieses Politikergefasel höre, dass man doch mehr Kinder bekommen solle, dass man sich privat absichern soll, was ich sowieso schon mache, so wie ich mich auch zu meiner gesetzlichen Krankenversicherung noch zusätzlich absichere.

 

Hätte ich mir mein Leben so abgesichert wie, ich nenn sie jetzt einfach mal Edeltraud, hätte ich mir statt einer festen Anstellung einfach vier schwarze Putzjobs gesucht, wäre ich zwei Mal im Jahr in den Urlaub geflogen und das in den letzten über 20 Jahren, dann wäre ich laut den nunmehr kursierenden Berechnungen genauso weit, wie ich jetzt.

 

Nicht dass ich Edeltraud, die es wirklich gibt und die natürlich ganz anders heißt, keine Rente gönne!

 

Aber wie ist das noch mal mit den Werten, Zielen, Überzeugungen, nach denen man lebt?

 

Ich bin ratlos, fühle mich vergackeiert und mein hehres Ideal einer fairen, mach- und lebbaren Sozialgemeinschaft bekommt immer größere Risse.

 

Naja, zumindest unsere Politiker dürften in dieser Hinsicht ihre Schäfchen im Trockenen haben.

 

Hätte ja auch sowas anständiges lernen können. Selber schuld, Frau Ev ...

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Kommentare: 4
  • #1

    Ruthy (Montag, 03 September 2012 20:08)

    Die hab ich dann auch mal, die Altersarmut. Wie soll das denn auch gehen: man soll sich gefälligst zusätzlich absichern, darf aber fast nix von der Steuer absetzen? Und wer hat schon Riester? Krankenkasse,ja und dann hat man flugs dn Höchstbetrag erreicht, und die ganze übrige Altersabsicherung ist für'n Wind...

    Liebe Grüße, Ruthy

  • #2

    Regina Regenbogen (Dienstag, 04 September 2012 16:50)

    Du sprichst mir aus der Seele, liebe Ev.

    Wir fahren eigentlich selten in Urlaub. Das ist uns auch nicht so wichtig. Mein Auto hat 17 Jahre auf den Rädern und ist nochmal über den TÜV gekommen. Wir kaufen immer gut gebrauchte Autos und fahren sie bis zum Verschrotten. Bisher wurden 2 Wagen 19 Jahre alt.

    Wir bereiten gerade eine Schulung in der Firma vor. Da habe ich einen tollen Bericht über die Riesterrente, da ging es auch um das neue Rentensystem, Altersarmut usw. Die Rieseterrente wurde ziemlich zerrisssen. War total interessant dieser 45-minütige Beitrag.

    LG Regina

  • #3

    Angela (Dienstag, 04 September 2012 18:57)

    Hach, das war wieder ein Lese-Schmaus! Ich reihe mich ein, habe aber auch - anders als Du - viel geschludert und lange nix eingezahlt in die Rentenkasse und auch nicht privat vorgesorgt. Dafür gehe ich dann eiskalt und ohne schlechtes Gewissen zum Sozialamt, wenn es so weit ist. Egal!
    Dickes Bussi
    Angela

  • #4

    ilra (Samstag, 15 September 2012 20:04)

    Tja, soweit so gut(?). Dieses Phänomen ist bekannt... "SchwarzArbeit" lohnt sich-leider! Ich beschäftige mich seit Jahren mit (auch beruflich) mit diesen Veränderungen. Die Politik ist nicht in der Lage die tatsächliche Situation zu überblicken, ERGO... SCHWARZARBEIT als Alterssicherung. Schlecht für diejenigen, die aufgrund ihrer Tätigkeit nicht "schwarz" arbeiten können, so wie ich .....