Genähter Dickenwitz

Ich bin mit Burda-Schnitten aufgewachsen, weil meine Mutter eine leidenschaftliche Näherin und Handarbeiterin ist.

 

Ich bin ebenfalls eine leidenschaftliche Handarbeiterin, mit dem Nähen verbindet mich nicht so viel wie bei meiner Mutter. Ich versuche immer wieder mal, mich dafür zu erwärmen, was aber nicht so wirklich klappen möchte

 

Als meine Mutter die Burda Style 6/2012 mitbrachte, fiel mir in der Stecke "Out of Africa" sofort die Hose 138 B, mit "Rhythmus im Blut" überschrieben, ins Auge. Ja, genau, sie machte mir Lust, mich mal wieder an die Nähmaschine zu setzen.

 

Ich wurde ausgemessen, im Stoffgeschäft wurde das passende Material gefunden und gekauft und so nach und nach wurde akribisch der Schnitt übertragen, aufgepinnt, ausgeschnitten, genäht.

 

Zum Glück bin ich reingeschlupt in die rudimentär fertige Hose, noch vor dem anschleßend geplanten Dämpfen und der Endbearbeitung.

 

Ergebnis: Die Proportionen stimmen einfach nicht und nu - ohne Skrupel ab in die Tonne damit!

 

Diese Hose geht los ab Größe 44 bis hin zu 52. Ob der oder die Designerin sich jemals wirklich mit der körperlichen WIrklichkeit übergewichtiger Menschen beschäftigt hat? Wohl eher nicht,. Die Hose ist passgenau, keine Frage, aber die Hosentaschen ... wtf - die Hosentaschen, betonen eine eben nicht straffe Bäuchlichkeit auf eine derart unschön aufdringliche Art und Weise, dass man lachen könnte, wäre es nicht so traurig.

In der Beschreibung zur Höse steht ""Diese Hose kaschiert Po, Beine, Hüften" - ist ja auch gut so, aber warum betont sie auf solch besonders unschön abstehende Art und Weise dann ausgerechnet das Bauchfleisch?

 

Ich bin dick. Aber ich habe genau so ein Recht wie Undicke, mich in schöne Kleidung zu hüllen. In gut designte Kleidung, auch dann, wenn ich sie mir selber nähe, stricke oder was auch immer.

 

Ist ja nicht so, dass so etwas nur in der Burda vorkommen würde. Auch in Strickheften passiert es doch immer wieder, dass Anleitungen für große Größen an größen Größen in der Wirklichkeit doch nur eines sind: Lächerlich an großen Größen, weil gar nicht wirklich für praktikabel für große Größen entworfen, sondern für hübsch konzipierte Bildstrecken an Modells, die eben eins nicht sind: Übergewichtig.

 

Wäre das Burdamodell in der fraglichen Hose wirklich mit mindestens einer Kleidergröße 44 ausgestattet, würde sie mit Sicherheit nicht so aussehen, wie sie hübsch drapiert auf dem Foto aussieht.

 

Auf ein Foto von mir in dieser Hose, verzichte ich. Mein Spiegelbild hat mir gereicht.

 

Keine Ahnung, wer diesen Schnitt entworfen hat. Vielleicht ein Mensch, der gar nicht weiß, wie es ist, eine Körpergröße 44 aufwärts zu haben. Vielleicht war es ein Mann oder eine Frau in einer spindeldürren Size Zero, die übrigens gesundheitlich mindestens genauso abträglich ist wie Übergewicht.

 

Mir geht es auch gar nicht um eine Bewertung, was nun schöner ist, dick oder dünn. Mir geht es darum, dass ich, wenn ich etwas kaufe, nähe oder stricke, später beim Tragen die Gewissheit habe, als Kundin ernst genommen und respektiert worden zu sein.

 

Schade um die verpasste Möglichkeit.

 

Und schade um den verschwendeten Stoff.

 

 

 

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Kommentare: 1
  • #1

    staubkoernchen (Samstag, 11 August 2012 09:14)

    Liebe Ev,

    wie schade um den Stoff und deine Zeit :(

    Aber gerade ab einer 44 aufwärts variiert die Vielfalt der möglichen Körperformen so unglaublich stark, dass man einfach nicht erwarten darf, in jeden Schnitt, in jedes Strickstück zu passen.

    Ich trage ja auch Übergröße und mein ganz persönlicher Körper hat einen mitteldicken Bauch, eher kleine Brüste und sehr fette Oberarme und Oberschenkel. Ich habe mich daher abgefunden, dass ich einfach nicht gut aussehe, in Sachen für große Frauen mit großen Brüsten und normal-dicken Armen, egal wie gut die Kleidung (oder der Schnitt oder das Strickmuster) für sie ausgearbeitet ist. Vielleicht ist die Hose, die du genäht hast, ja für einen anderen Typ Figur, als du ihn hast?

    Abgesehen davon gibt es auch leider viele Anleitugen, wo die Angaben für Größe 36 einfach nur hochgerechnet wurden und wirklich nur extrem wenigen Menschen passen dürften. Vielleicht wurde bei dem Hosenschnitt genauso gedankenlos vorgegangen.

    Ich bin mittlerweile dazu übergegangen, alle meine Pullover, die ich stricke selbst zu berechnen und auf Anleitungen zu verzichten, da es den Pulli, der allen Dicken passt und steht sowieso nicht gibt. Gleiches gilt für Hosen, so dass für mich zum Hosenkauf immer eine große Portion Mut und Geduld nötig sind...

    Beim Nähen ist das meines Wissens nach wohl nicht so einfach, sich einen Schnitt aus dem Nichts zu erstellen (ich kann nicht nähen, deswegen verlasse ich mich hier mal auf die Aussage meines Papas), da hilft dann wohl nur Geduld, wenn man auf der Suche nach dem richtigen Schnitt für die individuelle Figur ist.

    Ganz liebe Grüße von einer mit individueller Figur zu einer mit individueller Figur :)

    staubkoernchen*