Es geht nicht um Fleisch oder kein Fleisch

Ich bin ein Allesesser. Ich esse Gemüse, Obst, Käse, Eier, Fleisch, Fisch, Teigwaren, Gebackenes, Rohes, Gekochtes. Ich koche selber und lasse mich gerne bekochen. Ich esse - also lebe ich.

 

Ich bin übergewichtig. Ich bin zu dick. Ich habe ein falsches Essverhalten. Ich hatte noch nie ein richtiges Essverhalten. Die eine Hälfte meines Lebens bewegte ich mich hart unterhalb der Grenze zum Untergewicht. Ich war zu groß für mein Gewicht. Die andere Hälfte meines Lebens bewege ich mich überhalb der Grenze zum Übergewicht. Ich bin zu klein für mein Gewicht.

 

Ich habe mir noch nie den Finger in den Hals gesteckt, weil ich das Kotzen zum kotzen finde. Früher nahm ich bei Streß ab, konnte nichts essen. Heute nehme ich bei Streß zu, weil mich essen beruhigt. Ich weiß, dass mein Übergewicht meiner Gesundheit nicht gut tut und viele Gesundheitsrisiken birgt. Aber wo fängt Gesundheit an, wenn man genau das von Kindheit an noch nie war? Ich habe viel Sport getrieben früher und nur dann gegessen, wenn ich Hunger hatte. Gesünder war ich deshalb nicht. Muss ich betonen, dass ich heute sportlich nicht mehr aktiv bin? Also bitte, ich esse zuviel, ich arbeite an einem Schreibtisch und ich bin kein Einzelwesen mehr, sprich, stundenlang Sport nach der Arbeit ist nicht drin. Ja, ich bin wohl willensschwach, aber ich bin noch so viel mehr als das.

 

Ich rauche nicht, ich betrinke mich nicht, ich nehme keinerlei Drogen oder Medikamente, ich verzichte auf Convinience-Fraß und Fastfood und ernähre mich sehr bewusst.  

 

Gezwungenermaßen kann ich nicht einfach das essen, zu dem ich Lust habe, nicht mal dort oder da ins Regal greifen. Lese ich keine Zutatenlisten, frage ich im Lokal nicht nach, was drin ist in dem auf dem Teller, hat das üble Folgen für mich. Mal so schnell ein Stück Käsesahne ist nicht, weil in 9 von 10 Fällen den Leuten, die sie zubereitet haben, vor meiner Frage noch nicht mal bewusst war/ist, dass sie Sahne verwenden, der Carrageen zugesetzt ist. Aus gutem Grund scheiße ich auf Carrageen. Was passiert, wenn ich mal doch nicht frage, was drin ist, und das auch noch ausgerechnet in einem Lokal, das sich vorher immer auf die stolzgeschwellte Brust schrieb, dass man nur absolut naturbelassene Zutaten benutzt, davon kann meine liebste Strickrunde ein Lied singen. War mir sehr peinlich das. Drüber reden ist schon nicht einfach, dass Jede rund um den Tisch deutlich mitbekam, was mit mir passierte, das war wirklich in vielerei Hinsicht sehr schmerzhaft für mich. Egal, war eine gute Lehrstunde , Schwamm drüber.

 

Zurück zur Überschrift.

 

Ja, ich esse Fleisch, aber ich kann nicht mehr jedes essen. Nicht mehr diese Günstig-Günstig-Fleischberge in den Supermärkten, die plastikfolierten Aufschnittscheiben, die so nebenher auch noch eine Menge Plastikmüll hinter sich lassen. Ich habe das große Glück, dass es in unserem Dorf einen richtig guten Metzger gibt, der nach Neuland-Richtlinien produziert, seine Tiere z. B. direkt aus dem Ort bezieht. Natürlich bekommt man solches Fleisch, solche Wurst nicht geiz-ist-geil hinterher geworfen. Qualität hat ihren Preis. Unbezahlbar ist das Wissen, dass das, was ich so esse, nicht aus Qualviehhaltung stammt.

 

Wer über multiresistente Krankenhauskeime zu Recht mosert, sollte dann aber bitte auch kein antibiotikagepushtes konventionelles Geflügelmastfleisch essen, denn von nix kommt nix. Wer sich so ernährt, leistet körpereigenen Multiresistenzen einen ganz enormen Vorschub.

 

Käse kaufe ich am liebsten direkt vom Laib geschnitten. Nicht diese folierten Dichtmassescheiben ohne jegliches Käsearoma oder gleich mit Käsegeschmackszusätzen, damit dieser Käse auch käsig schmeckt.

 

Seefisch gibt's nicht mehr so oft wie früher auf dem Tisch. Wenn doch, dann muss er zumindest MSC- zertifiziert sein. Und auf keinen Fall Viktoriasee(b)arsch, Nil(b)arsch oder jeglicher anderer Massenzuchtfisch, denn ein angenehmes Leben haben die auch nicht. Richtig schmecken will mir Seefisch nicht mehr, die Meere sind mittlerweile an vielen Orten mehr als bedenklich leer gefischt ... Bleiben noch Forellen aus regionalen Betrieben. Mit dem Netz heraus geholt und von Ort und Stelle aus küchenfertig mit nach Hause genommen.

 

Auch Eier und Hühnerhaltung sind ein Thema für sich. Auch hier muss man entscheiden, was ein Ei wert ist an Lebensbedingungen für die Hühner. Eine unendlich traurige Geschichte eben auch wenig Platz, blutig gepickten Hühnerärschen, Kannibalismus, mit elektrischer Schere gekappten Schnäbel, Parasitenbefall, ...

 

Ja, das ist nicht günstig, nicht billig, all das hat seinen Preis. Jeder muss für sich selber überlegen, welchen Wert gutes Essen haben darf, kann, soll. Ich verzichte dafür lieber auf Shopping. Umkleidekabinen und -spiegel mag ich sowieso nicht, Trends prallen vollkommen an mir ab, Modediktate sind an mich verschwendet und meine Schuhe, Röcke, Hosen, Shirts, die trage ich so lange sie sich tragen lassen. Manches davon schon seit Jahren.

 

Ich versuche, Obst und Gemüse nach dem Saisonkalender zu verwenden und das aus regionaler Fertigung. Auf meinem Balkon experimentiere ich mit selbstgezogenen Tomatenpflanzen und für die Sämereien kann ich Irinas-Tomaten immer wieder nur wärmstens empfehlen. Der Geschmack solcher Tomaten ist so meilenweit von den roten Wasserbomben im normalen Handel entfernt wie Wasser- von Ölfarbe. Bei mir stehen heuer 'Huge Lemon Oxhearts', 'Koritschnevaja Sliva', "Gelbe Johannisbeertomate' und 'White beauty' in voller Blüte.

 

Auch auf dem Balkon: Kopfsalat, Rote Beete, Radicchio und ein richtig großer Topf voll mit einer Alnatura Blüten- und Hummelwiesenmischung.

 

Ja, klinisch gesehen, bin ich adipös, von familiengeschichtlicher Seite her reihe ich mich nahtlos ein in die Körperlichkeiten meines Vaters, seiner Mutter, seiner Großmutter. Schlesische Ackerfurche par excellence. Eine Entschuldigung ist das nicht, mehr oder weniger aber eben auch ein genetischer Faktor. Von all dem abgesehen wage ich zu behaupten, dass ich mich trotz allem sehr viel bewusster und hochwertiger ernähre als die große Masse Durchschnitt, die gar nicht mehr wahrnimmt, was sie in sich hinein schiebt.

 

Irgendwann muss man Farbe bekennen. Sich informieren. Eine Entscheidung treffen. Nicht danach schreien, dass die ganz oben das machen müssen. Selber Verantwortung und Selbst-Bewusstsein übernehmen. Es gibt viel zu tun - ich für mich habe angefangen, aufzuräumen.

Kommentare: 5 (Diskussion geschlossen)
  • #1

    ilona (Donnerstag, 14 Juni 2012 22:43)

    hallo ev,
    besser könnte frau es nicht auf den punkt bringen! du schreibst mir mal wieder aus der seele! danke für deinen tollen beitrag!
    lg
    ilona

  • #2

    Melanie (Freitag, 15 Juni 2012 07:15)

    Nehmen Sie denn kontinuierlich zu? Falls nicht, essen Sie auch nicht zu viel...

    Im Übrigen denke ich, dass Sie sich nicht nur bewusster, sondern auch gesünder ernähren, als die große Masse Durchschnitt.

    Viele Grüße,
    Melanie

  • #3

    Connie (Freitag, 15 Juni 2012 09:39)

    Liebe Ev,

    da kann ich auch nur unterschreiben!! Du sprichst auch mir aus der Seele.
    Ich stelle auch immer wieder fest, dass Nahrungsmittel / Essen in Frankreich noch einen ganz anderen Stellenwert haben als in Deutschland. Trotzdem greifen genug ins Supermarktregal.
    Aber der kleine Ort, in dem ich wohne, hat 2 Metzger und 2 Baecker (die alles in Handarbeit herstellen), eine Kaeseladen (mit Kaese vom Laib) und jeden Sonntag Markt.
    Meine kleine Tochter laeuft zur Zeit jeden Abend in den Garten und erntet frische Erbsen und Erdbeeren, und freut sich schon auf die Himbeersaison.
    Und in meinem Garten baue ich Obst und Gemuese an. Und trotzdem bewege auch ich mich hart an der Grenze zur Adipositaet.
    lG
    Connie

  • #4

    kelli (Freitag, 15 Juni 2012 22:49)

    Liebe Ev,

    diesem wunderbaren Text ist nichts hinzuzufügen.
    Danke Dir ganz lieb dafür.

    LG
    kelli

  • #5

    Stefanie (Dienstag, 19 Juni 2012 14:27)

    starke Worte - starke Frau!