Bin ich schön?

Bin ich schön?

 

Wir leben in einer Welt, die es uns erlaubt, immer älter zu werden. Wir müssen nicht um unser Essen kämpfen, uns überlegen, wie wir unsere Kinder satt über den Winter bringen. Wir können zur Schule gehen, noch nie war der Zugang zu Wissen so leicht. Wenn wir krank werden, gehen wir zum Arzt, nehmen Medikamente. Wir haben ein Dach überm Kopf, warme Zimmer, volle Kühlschränke. Unsere Kleidung müssen wir nicht mit dem Waschbrett am Dorfbrunnen waschen. Unser Fleisch nicht selber jagen, unser Brot nicht selber backen und wir müssen auch keine Kühe oder Ziegen melken, wenn wir Milch, Butter oder Käse brauchen. Schuhe gibt es in allen Formen, Farben, Höhen. Wir können viel, müssen aber nicht alles. Per PC und oder Handy tauchen wir ein in die Internetwelt, die Konsum noch leichter macht. Und am Abend flackert und rußt uns keine Petroleumlampe Licht in unsere Räume, sondern der Fernseher dröhnt uns satt und doch hungrig in Welten, die noch schöner, reicher und bunter sind als unser Alltagsleben.

 

Es geht uns gut. Aber immer ist da jemand, der mehr hat. Mehr Geld, mehr Platz, mehr Möglichkeiten, mehr Schuhe, mehr Macht, mehr Schönheit. Das macht unzufrieden, weckt die Gier nach einem größeren Stück vom Kuchen.

 

Erfolg zu haben, on the top zu sein, so wird uns suggeriert, ist das Ziel aller Dinge. Wir suchen Superstars, die tollsten Talente, Europa- und Weltmeister. Wir suchen die Klügsten, die perfekten Gastgeber, die besten Köche, die tollsten Styles, Superblogger und die Schönsten der Schönen.

 

Hach, schön zu sein, das verheißt Anerkennung, Erfolg, die besten Kontakte, das glamouröseste Leben, Reichtum und Macht. Und deshalb Glück. Bin ich schön, dann bin ich ewig jung, bin ich ewig jung, dann bin ich perfekt, bin ich perfekt, dann bin ich makellos, bin ich makellos, dann bin ich sexy und wenn ich sexy bin, bin ich  glücklich. Wenn ich immer glücklich bin, dann werde ich immer schön sein und wenn ich am Schluss nicht gestorben bin, werde ich es immer sein. Bis in alle Ewigkeit, Amen, den Visagisten sei Dank und Ruhm.

 

So einfach ist das. 1 + 1 = 11 im Photoshopschlaraffenland der unendlichen Pixel. Zumindest auf Hochglanzbildern. Da ist schöne Jugend bis in die kleinste Pore. Who gives a damn, ob das der Wahrheit entspricht, so lange man sie sich zurechtbiegen kann? Wen interessiert der Mensch hinter der reichen, schönen, jungen Fassade? Warum scheitern sie denn immer wieder die Reichen, Schönen, glücklich vermeintlich Mächtigen, denen die Traumwelt zu Füßen liegt, die sich Otto Normalverbraucher so sehnlichst erträumt?

 

Auch die Schönsten werden älter. Das Bindegewebe schlaffer, die Haut fleckiger. Das Klimakterium hinterlässt seinen Spuren in jedem Gesicht. Die gelebte Zeit legt sich in Fältchen und Falten. Zurückgelegte Jahre lassen sich nicht betrügen. Haare werden grau und weiß, Augen trüber, Zähne gelber, Hände knotig. Gelenke und Wirbel knacken, das Hören lässt nach. Wir werden immer älter, aber zugeben wollen wir das nicht. Wozu auch, wenn man die guten Gene seiner Mutter geerbt hat und jeden Tag 4 l Wasser aus der Südsee trinkt. Psst, ich hab das was! Komm näher, psst, ich zeig Dir was. Da – guck mal, ein Spritzchen, ein Schnittchen, ein Nähtchen und den Rest richtet ein Personaltrainer und schon bist Du wieder 20! Wen interessiert Dein wahres Alter, die Fakten, die Tatsachen? In der Traumwelt weiß jeder, dass Du lügst, nur zugeben, Dir die Wahrheit sagen, dass wird niemand, denn Du bist ja schön und reich und erfolgreich und jung. Jung. So jung, dass Du wieder mithalten kannst mit den Zwanzigjährigen mit der straffen Haut und dann singst Du sie mit 53 an die Wand, wie schön es ist, wenn Mädchen wie Du so richtig auf die Pauke hauen und einen drauf machen. Denn Du bist jung. Und deshalb schön und ewig.

 

Schön, jung, glücklich sein. Reich, begehrt und alle Wünsche erfüllen sich von alleine.

 

Und ich? Bin ich schön?

 

Ja, verdammt noch mal, warum denn eigentlich nicht?

 

Hochachtungswoll skalpellos,

Ev

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Kommentare: 2
  • #1

    Angela (Montag, 09 April 2012 12:54)

    Ach, schön... hast Du das in Deinem Schönheits-Artikel formuliert. Erinnert mich an das aktuelle Interview mit der Geraldine Chaplin in der SZ, die über das Älter-Werden jammert. Sinngemäß: Ab 30 ist man unsichtbar - und so weiter. Egal wie schön man vorher war, übrigens. Das werden die Hühner, die sich jetzt die Implantate machen lassen und die Wimpern tunen dann schon merken. Das tut dann umso mehr weh, wenn man vorher schön war.
    Aber wir sind eh die Schönen, gell?
    Und zu Deiner Frage: Da wüsste ich schon was...
    Liebe Grüße
    Angela

  • #2

    Connie (Montag, 09 April 2012 14:48)

    Von wegen ab 30 ist frau unsichtbar - ab 30 legt frau doch so richtig los. Und Ausstrahlung und Individualitaet ist wichtiger als Schoenheit!

    LG
    Connie